Comic-Reportagen: Der scharfe Strich der Fakten

Wer etwas über Islam, über Islamismus und über Krieg und Terror in beider Namen wissen will, tut gut daran zu lesen. Comics beispielsweise. Zu den Neuerscheinungen.

 

Es ist schon paradox: Je näher der Islam dem Abendland kommt, desto mehr scheint sich die abendländische Sachkenntnis von ihm in Mystifikationen, Vorurteile und Verschwörungstheorien aufzulösen. Die Migrationswellen der jüngsten Vergangenheit haben uns keine vertieften Einsichten in Länder, Leute und Kulturen beschert, im Gegenteil: Unser Halb- oder Garnichtwissen der Vergangenheit hat sich, unter Assistenz von Abendlanduntergangsapologeten aller Art, zu Scheinfakten verdichtet, hinter deren düsterer Oberfläche die Wirklichkeit verschwindet – und damit auch die wirklichen Herausforderungen, vor denen alle Bemühungen um ein gedeihliches Zusammenleben in diesen Tagen stehen. Statt über teils fundamentale Bildungsdifferenzen wird über Kopftücher debattiert, statt über manifeste mentalitätsgeschichtliche Prägungen über Minarette. Jene Auseinandersetzung, die über Inhalte zu führen wäre, bleibt an einer Handvoll Symbole hängen: Entsprechend tritt Symbolpolitik an die Stelle selbst simpelster Ansätze einer Strategie, wie mit den Gegebenheiten, ihren Potenzialen wie ihren Problemen, ernsthaft umzugehen sei.

Ironischerweise ist es ausgerechnet ein Metier, dem landläufig kaum Substanzielles zugetraut wird, das ein wenig Licht in ein Umfeld immer umfassenderer Finsternis bringt: der Comic. In vorbildhaften Beispielen zeigen Subgenres wie Comicreportage oder auch der autobiografische Comic, welch exzeptionelle Möglichkeiten der Wirklichkeitserfassung und Wirklichkeitsannäherung in einer künstlerischen Ausdrucksform stecken, die bis vor Kurzem noch als bestenfalls unterhaltsam, wenn nicht gar als Schmutz und Schund wahrgenommen wurde. Das ist kein Zufall: Die Konzentration auf wenige Striche erleichtert die Fokussierung auf das Wesentliche, die damit verbundene Abstraktionsleistung verschafft uns jene Distanz, aus der Prinzipien erst sichtbar werden. So sind es auch nicht die detailverliebten, mitunter bis ins Fotorealistische getriebenen Darstellungen, die charakteristisch für solche Arbeiten sind, es ist das Skizzenhafte, Stilisierte, Fragmentarische, das die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellt. Etwa in Riad Sattoufs Auseinandersetzung mit seiner Kindheit zwischen den Kulturen, „Der Araber von morgen“, dessen dritter Band dieser Tage erscheint. Die Nüchternheit, mit der Sattouf, Sohn einer französischen Mutter und eines syrischen Vaters, sein Heranwachsen im Libyen und Syrien der Achtzigerjahre nachzeichnet, stünde auch manchen jener weitläufigen Auslassungen gut an, die sich mit großem Gestus besorgt über Culture Gap und Culture Clash erregen.

Sattouf weiß nicht nur genau, wovon er spricht, er zeigt die Konfliktzonen im Umgang unterschiedlicher Kulturen auch genau dort, wo sie tatsächlich liegen: in den Banalitäten der Alltäglichkeit. Was Klein-Riad in der Schule, auf Besuch bei Verwandten, im Spiel mit anderen Kindern widerfährt, was er erlebt im Umgang der Erwachsenen miteinander, nicht zuletzt im Umgang seiner eigenen Eltern mit immer wieder aufkeimenden Kontroversen, reportiert uns der mittlerweile einigermaßen dem Kindesalter entratene Zeichner und Filmregisseur, Jahrgang 1978, mit jener unmissverständlichen Klarheit in Wort und Bild, die unsere Gefühle weit besser erreicht als noch so sentimentale Gefühligkeit.

Ist es für Riad Sattouf der Blick von innen, so ist es für Sarah Glidden der Blick von außen, der fremde Blick, der Fakten wahrnehmbar macht: in ihrem kürzlich vorgelegten Band „Im Schatten des Krieges“. 2010 begleitet die aus Boston gebürtige Zeichnerin zwei US-amerikanische Journalisten bei ihrer Erkundungsreise auf den Spuren und zu den Folgen der militärischen US-Intervention im Irak . Als Vierter dabei: ein ehemaliger Soldat, der den Ort seiner Einsätze wiedersehen will. Was dem Grüppchen an Feindseligkeit wie – immer wieder auch zweifelhafter – Freundlichkeit in den anschließenden zwei Monaten im Nahen Osten begegnet, bündelt Glidden in Szenen, die nicht nur die Fragwürdigkeit dieses Kriegs und die bis heute schier unentwirrbare Komplexität der dadurch ausgelösten Spannungen dokumentieren, sondern gleichermaßen die Schwierigkeiten journalistischer Arbeit zwischen beständig wachsendem Quotendruck auf der einen, dem Ringen um Seriosität auf der anderen Seite. Was ist Wahrheit? Diese Frage treibt nicht nur den Pontius Pilatus des Johannes-Evangeliums um, sondern heute insbesondere einen Berufsstand, dessen Vertrauenswürdigkeit im Zeitalter von Fake News mehr denn je gefordert und im Zeitalter sozialer Medien mehr denn je auf dem Prüfstand der Allgemeinheit steht.

Wie brutal US-amerikanische Einmischungspolitik in ihren fatalsten Folgen mittlerweile das Leben der westlichen Welt selbst eingeholt hat, das ist Ausgangspunkt für Catherine Meurisse‘ Band „Die Leichtigkeit“. Am 7. Jänner 2015 kommt die „Charlie-Hebdo“-Zeichnerin um Minuten zu spät an ihren Arbeitsplatz – und überlebt nur deshalb das islamistisch motivierte Gemetzel unter ihren Freunden und Kollegen. Ein Ereignis, das sie, wie auch anders, nachhaltig prägt. Ihre Versuche, wieder Boden unter ihren Füßen zu finden, verdichtet sie immer wieder in ausgreifenden Bildern, vor deren oft wie ungewiss schwebenden Hintergründen der scharfe Strich des Faktischen schmerzhaft ins Bewusstsein schneidet.

Weniger ins Impressive getrieben die Zeichnungen, in die Guy Delisle seine Auseinandersetzung mit einer realen Geiselnahme in Tschetschenien fasst: Der kanadische Comicdokumentarist, zuletzt mit seinen „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ erfolgreich, hat die Geschichte eines Ärzte-ohne-Grenzen-Mitarbeiters nachgezeichnet, der 1997 von islamistischen Separatisten entführt wurde. 111 Tage Warten auf den 400 in ihrer stillen Nüchternheit vielleicht beklemmendsten Seiten, die wir zeitgenössischer Comic-Kunst zu danken haben.

„Die Presse“, „Spectrum“, 13. Mai 2017

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