Zeitlos glänzt die Goldschrift

Mit einer Idee zu den Festwochen 1956 hat alles angefangen – und heute sind sie aus dem Stadtbild kaum mehr wegzudenken: die weißen Tafeln, die in goldener Schrift hiesige Sehenswürdigkeiten ausweisen. Wie man unersetzlich wird in Wien.

Gezählt 141 Exponate: Das klingt nach gar nicht viel, zumal für eine Ausstellung, die wie keine vor ihr und keine späterhin Folgen zeitigen wird. Allein, besagte Exponate sind schon von besonderer Art: kirchtürmehoch, palästebreit. Und der Raum, in dem man sie präsentiert, ist nicht mehr und nicht weniger als die Stadt selbst. 1956 erstmals ins Werk gesetzt, ist jene Schau bis heute allgegenwärtig im Straßenbild: vielleicht die größte ihrer Art, die je stattgefunden hat. Und mit Sicherheit jenes Projekt der Wiener Festwochen, das Wien so nachhaltig wie kein anderes verändert hat.

Am 23.April 1956 stellt Kulturstadtrat Hans Mandl das Programm der anstehenden Festwochen vor. Die sind, 1951 wiederbegründet, noch Angelegenheit des Magistrats und im konkreten Fall die „ersten Festwochen im freien Österreich“, so die Rathauskorrespondenz.

Nebst allerlei zwangsläufig Mozartianischem (200. Geburtstag!) und einem Gastspiel der Mailänder Scala findet sich da eine Ausstellung, „die praktisch die ganze Stadt umfasst“: „Unter dem Titel ‚Wien – Eine Stadt stellt sich vor‘ sollen die in- und ausländischen Besucher unserer Stadt mit historisch und künstlerisch bedeutsamen Bauten bekanntgemacht werden.“ Die Mittel, derlei zu erreichen, sind naturgemäß längst ausgemachte Sache: „Diese Gebäude werden mit einem Emblem versehen, das über Name, Baumeister und Entstehungszeit Auskunft gibt.“

Wer 70 Jahre später wissen will, wie man sich jene „Embleme“ vorzustellen hat, braucht nur offenen Auges durch Wien zu gehen. Ob St.Marxer Friedhof oder Karlskirche, ob Schloss Schönbrunn oder Franz Schuberts Sterbehaus, allüberall sind sie zu sehen, innerstädtisch gefühlt an jeder zweiten Hausfassade: weiß grundierte, leicht vom Hintergrund vorgewölbte Tafeln, nach unten konisch sich verjüngend, ein Festwochen-W als erklärende Bekrönung, wem man die Sache zu danken hat, darüber vier Fähnchen in Rot-Weiß, den Wiener Landesfarben, auf den Tafeln selbst in spielerisch geschwungener Goldschrift die jeweils passende Information, das Wichtigste in Versalien, alles Weitere zarter dazugestellt. Etwa: „Kirche am Hof – Erbaut 1386–1403 in gotischem Stil“ et cetera, siehe Abbildung oben.

An den unteren Tafelrand gesetzt, folgt noch der Name des Gesamtvorhabens, rechts daneben die Nummer des Exponats, auf dass es sich im gleichzeitig aufgelegten Katalog finden lasse. All das entspricht der Präsentationslogik jeder anderen Schau: hier das Objekt, da der Objekttext, gemeinsam vertieft im Katalog.

Der überliefert auch, wem das Design der Tafeln zuzuschreiben ist. „Die grafische Gestaltung sowie der Entwurf der Embleme“ stammten von Walter Harnisch, steht da nachzulesen; und dass diese Information am äußersten Ende des Katalognachworts nachgereicht wird, erzählt viel über die Geringschätzung, wie sie notorisch Schöpfern von Elementen der Stadtmöblierung entgegenschlägt. So selbstverständlich Gegenstände wie Parkbänke, Straßenleuchten, Papierkörbe hingenommen werden (und so markant und vielsagend sie doch für das Erscheinungsbild unserer Städte sind), so wenig werden jene je beachtet, die sich um deren Form verdient machen.

Besagter Walter Harnisch allerdings, Wiener des Jahrgangs 1906, Maler, Grafiker und engagierter Sozialdemokrat, ist zum Zeitpunkt des Tafelentwurfs zumindest unter Kennern kein Unbekannnter mehr. Wahlplakate oder die Ausstattung für die Arbeiterolympiade des Jahres 1931 gehören zu seinem Portfolio genauso wie Ausstellungen im Nachkriegsösterreich. Und für die Dignität seines Schaffens sprechen ja auch die bewussten Tafeln: dem Anspruch und Zugriff nach fraglos ein Kind ihrer Zeit, dennoch gleichermaßen mit einer gewissen Zeitlosigkeit ausgestattet. Nicht zu vergessen jene diskrete Präsenz, wie sie für Stadtmobiliar unabdingbar ist: den Grundton einer Stadt zu treffen, ohne selbst Lärm zu erzeugen. Gewiss, nicht jede Einzelheit wird ungeteilt Gefallen finden, den Respekt für so viel eigenständigen Gestaltungswillen wird man dem Entwurf freilich nicht verweigern können.

In einem Detail kann Harnisch übrigens auf bereits Vorhandenes zurückgreifen: Das die Tafeln bekrönende Festwochen-W hat nämlich der Bühnenbildner Otto Liewehr, Bruder des Schauspielers Fred Liewehr, schon zwei Jahre davor entwickelt – als Festwochen-Signet bis in unsere Tage haltbar.

Apropos Haltbarkeit: Die ist, was „Wien – Eine Stadt stellt sich vor“ betrifft, zunächst gar nicht intendiert. Ursprünglich bloß temporär gedacht, für die Sommermonate des Jahres 1956, erweist sich die Selbstpräsentation einer Stadt allerdings als so erfolgreich, dass für 1957 eine Neuauflage samt Erweiterung um rund 50 Objekte vorgesehen wird; erst weitere drei Jahre später folgt die fixe Etablierung. „70 der bisherigen Tafeln“ seien durch Emailtafeln ersetzt worden, „die dauernd befestigt bleiben“, meldet die Rathauskorrespondenz im Oktober 1960, alle übrigen würden in den anschließenden Monaten folgen.

Wir halten fest: Anfang der 1960er ist Wien mit rund 200 einschlägigen Emailtafeln bleibend ausstaffiert, die ebenso viele Objekte einerseits als bedeutend markieren, andererseits den Grund dieser Bedeutsamkeit zumindest in Ansätzen ins Wort fassen. So weit, so gut.

Was sich in den anschließenden mehr als sechs Jahrzehnten in einschlägiger Sache begeben hat? Inhaltlich nicht viel. Zwei Handvoll Tafeln sind dazugekommen, alles in allem freilich repräsentiert das Tafelprogramm bis heute beharrlich den Bewusstseinsstand der 1950er.

Und was Wunder, schließlich liegt seit Anfang der 1980er die Aktion nicht mehr in Händen der städtischen Kulturverwalter oder der Wiener Festwochen, seither zeichnet Wien Tourismus dafür verantwortlich. War ehedem das Touristische bloß willkommener Mehrwert einer ideell-kulturell gestimmten Grundidee, hat sich der Fremdenverkehr damit zum Alleinherrscher aufgeworfen; der quasi volks- und völkerbildnerische Anspruch ist dem Diktat der Ökonomie gewichen.

Woraus die wenigen Tafeln der jüngeren Generation kein Geheimnis machen: Da ist am unteren Rand nichts mehr von „Wien – Eine Stadt stellt sich vor“ zu lesen, da regiert einsam der rüde Schriftzug „Wien Tourismus“. Gleichzeitig hat man – mit Recht – Informationen in englischer Sprache beigesellt, im Gegenzug freilich durch die Wahl eines neuen Schriftbilds Walter Harnischs Design nachhaltig entstellt. Mit den Worten des Wiener Typografen Michael Hochleitner: Man habe „eine originäre, meisterhaft per Hand geletterte Goldschrift durch etwas maximal Austauschbares“ ersetzt.

Macht nichts. Weitere neue Tafeln sind ohnehin nicht geplant. „Maßnahmen unsererseits erfolgen ausschließlich auf entsprechende Anfrage“, ist von Wiens Touristikern zu erfahren. Ein vor 70 Jahren voll Ambition gestartetes Projekt ist seinerseits zum Museumsstück geworden. Zu einem schlecht gepflegten Museumsstück, und das nicht nur mancher Roststellen halber.

Nun, Herrn Harnisch muss es nicht mehr grämen. Der ist 1988 von uns gegangen. Seine Tafeln, die werden dagegen bleiben. Vorerst jedenfalls. Nicht das Schlimmste, was Wiens Stadtbild widerfahren kann.

Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 16. Mai 2026

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