Gar nicht selten muss man sich ein Stück weit wegbewegen, um über die eigene Heimat etwas zu erfahren: Sergei Tchobans Museum für Architekturzeichnung in Berlin zeigt drei bisher unveröffentlichte Zeichnungen Otto Wagners.
Man stelle sich vor: ein Kunstmuseum für ein ganzes Jahrhundert, das, an dessen Anfang erbaut, Jahrzehnt für Jahrzehnt und Raum für Raum dem aktuellen Kunstgeschehen folgt. Am Ende jedes Jahrzehnts nämlich wird entschieden, welche Kunstwerke die maßgeblichen des vergangenen Dezenniums gewesen sind, um sie in jeweils einem Saal zu vereinen: gleichsam als dekadischer Ausweis der Kunstentwicklung des Landes.
„Moderne Galerie“ nannte Otto Wagner diese seine ungewöhnliche Idee, 1899 in die Welt gesetzt, und wenn schon nichts anderes, so haben sich davon immerhin drei Zeichnungen erhalten, sind irgendwann ins Eigentum eines Wiener Architekten gelangt und dieser Tage erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen – freilich mehr als 500 Kilometer Luftlinie entfernt von jenem Ort, an dem und für den sie einst geschaffen wurden.
Es ist schon so: Gar nicht selten muss man sich ein Stück weit wegbewegen, um über die eigene Heimat etwas zu erfahren. Gegenwärtig etwa nach Berlin, wo noch bis 17.Mai obgenannte Zeichnungen in einer Ausstellung gezeigt werden. Die will Otto Wagner als „Architekt des modernen Lebens“, so der Untertitel, präsentieren. Und weil sie vom Architekturkurator des Wien Museums, Andreas Nierhaus, zusammengestellt und zuvörderst auch aus Beständen des Wien Museums bestritten ist, fehlt es ihr bis in den sorgsam gestalteten Katalog nicht an angemessener Substanz.
Bemerkenswert allerdings ist nicht zuletzt der Ort, der solches möglich macht: ein Museum, das sich exklusiv dem Thema Architekturzeichnung verschrieben hat. Von Sergei Tchoban, Architekt des Jahrgangs 1962, Anfang der 2010er gegründet und nach seinen Plänen errichtet, kann es für sich in Anspruch nehmen, nicht so bald seinesgleichen irgendwo sonst zu haben. Einzig die von Niall Hobhouse unter dem Namen „Drawing Matter“ zusammengetragene Sammlung, nächst London in einer Farm vereinigt, fällt Nadejda Bartels als Institution mit ähnlich ausschließlicher Thematik ein.
Nun, Frau Bartels muss es wissen: Schließlich amtiert sie seit Beginn als Geschäftsführerin jener Stiftung, die das finanzielle Rückgrat des Museums bildet, der Tchoban Foundation. Und dass sich jene wiederum ausschließlich aus privaten Quellen speist, versteht sich unter den gegebenen Umständen fast von selbst – namentlich aus Beiträgen von Sergei Tchoban selbst, der Rest muss via Sponsoring erwirtschaftet werden, der kleinste Teil über die mehr als bescheidenen Eintrittspreise.
Als wären es einzelne Bausteine, sind die fünf Geschoßquader locker übereinandergestapelt, unten das Entree samt Kassenbereich, darüber die beiden Ausstellungsgeschoße, dann das Museumsarchiv, ganz oben schließlich, komplett in Glas, das Büro der Stiftung, in dem mich Frau Bartels empfängt – mit weitem Blick über den Teutoburger Platz davor und das Gelände der ehemaligen Pfefferberger Brauerei dahinter, das, längst zum Kulturzentrum umgedeutet, vorwiegend von Galerien und bildenden Künstlern genutzt wird.
Was den Besucher im Inneren des markanten Gebäudes erwartet, daraus macht die äußere Gestaltung kein großes Geheimnis: In die Fassade aus gefärbtem Beton finden sich Motive von Architekturzeichnungen eingeprägt, und dass sich da Teile von Bögen, Decken, Säulen immer wieder repetiert finden, als würde mehrfach neu zur Skizzierung angesetzt, hinterlässt den Eindruck von Vorläufigkeit, als wäre alles erst im Entstehen.
Mit dem Erwerb einer Zeichnung des Italieners Pietro Gonzaga (1751–1831) hat 2001 alles angefangen. Und wiewohl die Sammlung mittlerweile weit über so Historisches hinaus- und mitten in das Architekturschaffen der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart (Zaha Hadid, Frank Gehry, Steven Holl, Moon Hoon) hineingewachsen ist, wird eine Mehrzahl der Ausstellungen in ihrem Kern dennoch nicht aus eigenen Beständen, vielmehr aus denen anderer Institutionen bestritten. „Es gibt eine Art Föderation deutschsprachiger Architektursammlungen, die in grafischen Museen wie der Albertina oder auch in Einrichtungen wie dem Wien Museum untergebracht sind“, erzählt Nadejda Bartels. „Wir treffen uns jedes Jahr. Und weil bei Kollegen immer wieder einmal renoviert wird oder sonst kein Ausstellungsraum gerade frei ist, überlegen wir bei solchen Zusammenkünften, was man eventuell woanders zeigen könnte. Daraus ergeben sich dann Ausstellungsideen.“
Auch die Otto-Wagner-Schau sei so zustande gekommen. Und nicht nur die: Klaus Albrecht Schröder, damals Direktor der Albertina, sei, so Bartels, erst über den Umweg einer Ausstellung in Berlin die Bedeutung der einschlägigen Albertina-Bestände bewusst geworden. Und es wird kein Zufall sein, dass Christian Benedik, Architekturkurator in der Albertina, mittlerweile seinerseits im Kuratorium der Tchoban Foundation zu finden ist.
Dass die Architekturzeichnung in Zeiten von künstlicher Intelligenz und Entwerfersoftware abgeschlossenes Sammlungsgebiet sei, bestreitet Nadejda Bartels entschieden: „Wir erleben momentan, dass das Zeichnen unter Architekten wieder an Beliebtheit gewinnt.“ Auf Papier sei es „einfacher, kreativ zu sein“: Der Entwurfsprozess, die schnelle Skizze, all das gehe besser von der Hand. Daneben gebe es noch ein zweites, ganz anderes Segment: die meisterhafte, detaillierte Darstellung von Architekturfantasien, teils auch in gemischter Technik: „Das ist gleichsam eine ganz eigenständige Kunstform geworden“, so Bartels.
An Publikumsinteresse mangelt es jedenfalls nicht: So lockt Otto Wagner täglich etwa 50 bis 60 Personen in das Quartier am Prenzlauer Berg. In besten Fällen können es aber auch 150 sein: etwa im Fall jener Ausstellung, die man vor Jahren Architekturzeichnungen aus der DDR gewidmet hat. „Das war damals noch ein weißer Fleck auf der Architekturkarte“, erinnert sich Nadejda Bartels.
Das ließ sich, was Berlin betrifft, bis vor Kurzem erstaunlicherweise auch von Otto Wagner sagen. Die aktuelle Ausstellung im Museum für Architekturzeichnung ist die erste zu Wagners Werk, die je ihren Weg an die Spree gefunden hat. Das dafür mit gleich drei Zeichnungen, die wiederum in Wien noch nie zu sehen waren. Was so nicht bleiben soll: Wenn alles gut geht, so Andreas Nierhaus, könnten seine Fundstücke „bald ins Wien Museum kommen“.
Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 21. März 2026.



