Mostar: Die Trümmer des Erinnerns

Zwei Gedenkstätten, die eine ungewollt, aus Krieg und Zerstörung geboren, die andere gewollt – und zerstört. Der „Sniper Tower“ von Mostar und der Partisanenfriedhof des Bogdan Bogdanović: Lokalaugenschein in Bosnien-Herzegowina.

Viereinhalb von fünf Sternen, so ein Rating muss man erst einmal vorweisen können. „Beeindruckend“ sei das Gebäude, hat eine Besucherin als Nachricht auf Google hinterlassen und „ein absolutes Muss“ ein Besucher. Nichts von alledem freilich gilt der Architektur, wie sie ursprünglich gedacht war, alles einzig und allein den Läuften der Geschichte – und was sie aus jener Architektur in den vergangenen Jahrzehnten gemacht haben.

Was sich heute wie eine Materie gewordene Drohung ins Stadtbild von Mostar zwängt, lässt über seine ursprüngliche Bestimmung nur Ungefähres ahnen.

Das Bauwerk sei das Versprechen auf eine Zukunft gewesen, die nie eingetroffen sei, schreibt der aus Mostar gebürtige Schriftsteller Mirko Božić. Ende der 1980er errichtet, ist die Kubatur, die der bosnische Architekt Dragan Bijedić für die Ljubljanska Banka entworfen hat, nämlich ganz einem Auftritt verschrieben, wie er in jenen Tagen als Ausweis dafür gilt, zukunftshaltig zu sein: dem allenthalben gebräuchlichen Internationalen Stil. Und so kommt der blau getönten Glasfassade der Ljubljanska Banka auch die Ehre zu, ehedem die erste – und die höchste – ihrer Art an Ort und Stelle gewesen zu sein.

Mit Bankgeschäften freilich hatte das Objekt nur die geringste Zeit seiner Existenz zu tun. Der Bürgerkrieg im Zuge der Auflösung Jugoslawiens, namentlich jener zwischen der bosnisch-muslimischen und der kroatischen Bevölkerungsgruppe Mostars Mitte der 1990er, hat ein Machtsymbol des Kapitals in eines radikaler Menschenverachtung transformiert.

Dort, wo eben noch Anlageberater und Kassierer residierten, gingen plötzlich Scharfschützen ein und aus: auf der Jagd nach allem, was sich vor der Bank, auf dem Boulevard der Volksrevolution und jenseits dessen, bewegte. In den Nachkriegsjahren als Stadtentwicklungsprojekt angelegt, war der Straßenzug mit einem Mal Frontlinie zwischen Bürgerkriegsparteien, und von nirgendwo sonst auf kroatischer Seite konnte diese Frontlinie und der bosnische Teil der Stadt dahinter besser überblickt und vor allem ins Visier genommen werden.

Weder ein Menschenleben noch ein halbtausendjähriges Symbol der Verständigung zwischen Morgen- und Abendland galt viel in jenen Tagen: Im Zuge der Kämpfe wurde auch Stari Most, die Alte Brücke von Mostar, Mitte des 16. Jahrhunderts errichtet, gezielt in Trümmer geschossen. Die Brücke ist längst wiederhergestellt, von der Ljubljanska Banka dagegen, vormals „gläserne Bank“ genannt, hat erst das nationalistische Gemetzel, danach der Wiederverwertungssinn selbsternannter Abwracker nur mehr das Stahlbetonskelett übriggelassen. Heute einzig, seiner Funktion im Krieg folgend, als „Sniper Tower“ geläufig, ist es ungewollt zum Sinnbild für das Ende Jugoslawiens geworden: Hinter dem entschwundenen Glanz der Glasfassade hat sich eine innere Konstruktionswahrheit offenbart, die allein von Tod und Verderben kündet.

Allerlei Graffiti und Beschwörungsformeln haben ein Übriges getan, das graue Architekturgebein in ein Mahnmal besonderer Art zu transformieren: Zeugnis vergangenen Leids und Warnung vor künftigem in einem. Und wo hätte man derlei dringender nötig als in einer Region, in der 30 Jahre nach Ende militärischer Aggression allenfalls von einer Abwesenheit des Krieges, keineswegs jedoch von Frieden die Rede sein kann?

Daran erinnern nicht nur die zahllosen kroatischen Fahnen, die heute hier, mitten in Bosnien-Herzegowina, die Wohnquartiere westlich der Bankruine dominieren, daran erinnert auch eine Gedenkstätte im selben Viertel und das, was ihr in der jüngeren Vergangenheit widerfahren ist, in diesem Fall einer Gedenkstätte, die vom ersten Tag an tatsächlich als Gedenkstätte gedacht war.

Ende der 1950er wird ein Mittdreißiger aus Belgrad beauftragt, an einem Hügel im Westen der Stadt einen Friedhof für jene Widerstandskämpfer zu errichten, die während des Zweiten Weltkriegs im Zuge ihrer Rebellion gegen die kroatischen Faschisten der Ustascha-Bewegung und die deutschen Besatzer gefallen sind. Sein Name: Bogdan Bogdanović, Architekt, Schriftsteller und mit etlichen weiteren ähnlichen Projekten bald eine der großen Autoritäten in Sachen Erinnerungskultur, und das dies- wie jenseits der jugoslawischen Grenzen.

Wie sonst vermeidet Bogdanović mit seiner Partisanennekropole von Mostar jedes Pathos einer Anklage, jeden moralischen Fingerzeig. Fotografien aus der Errichtungszeit, Anfang bis Mitte der 1960er, verweisen auf ein Programm, wie es Bogdanović auch auf seine zeitgleich entstandene Gedenkstätte für die Opfer des KZ Jasenovac angewandt hat: Einerseits sei es ihm wichtig, der Opfer pietätvoll zu gedenken, andererseits auch auszudrücken, „dass das Leben weitergeht“. Über einen gepflasterten Weg schwingt sich die Anlage über Terrassen empor, auf denen 630 Gedenksteine an mehrheitlich hier begrabene Partisanen erinnern, mit Namen und Lebensdaten. Und so wie die Steine schon von der Form her ohne jeden Bezug zu Grabsteinen auskommen, eigenwillig geschwungen, wie sie sind, die einen an Friedensvögel erinnernd, andere an Puzzlesteine, so atmet der Ort insgesamt eine Sakralität jenseits jeder Konfession.

So weit der historische Bestand. Und manches davon lässt sich bis heute ablesen. So erlaubt die Sprache der Symbole an den Steinwänden, auf Plätzen, die sich unvermittelt hinter engen Schneisen öffnen, keinerlei eindeutige Zuordnung, weder zu Zeit noch zu Kulturraum; vielmehr folgt sie einem allgemein mythologischen, Gegensätze versöhnenden Gestus. Die Partisanennekropole von Mostar: eine Stadt der Toten, die, in der Vergangenheit gegründet, voll Hoffnung auf eine friedvoller gestimmte Zukunft weisen will, jenseits ethnisch-religiös aufgeladener Konflikte.

Zerstörungen während des Bürgerkriegs, Vernachlässigung und Vandalismus in den Jahrzehnten danach haben freilich tiefe Spuren hinterlassen. Und im Juni 2022 folgte schließlich jene Attacke, der so gut wie alle Gedenksteine zum Opfer fielen: Zerschlagen liegen sie seither verstreut auf den Terrassen, als sollte mit ihnen auch jede Aussicht auf Verständigung auf alle Zeit zerschlagen sein.

Zwei Gedenkstätten, die eine ungewollt, aus Bürgerkrieg geboren, die andere gewollt – und zerstört. Auf ihre je eigene Weise erzählen „Sniper Tower“ und Bogdanović‘ Partisanenfriedhof die nämliche Geschichte: von der inneren Wahrheit der Architektur und einer äußeren, gegründet in menschlich-unmenschlichem Wahn.

Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 18. April 2026

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