Von der Kunst, vom Kunstschaffen, was wir beiden zu danken haben und von beider Gefährdung erzählt Luz am Beispiel eines Gemäldes aus dem Jahr 1919: „Zwei weibliche Halbakte“, mein Comic des Monats im September 2025.
Bilder schauen uns an. Derlei gehört nicht zuletzt zum Standardrepertoire von Gruselfilmen oder Schlossführungen aller Art: der unter gar schröcklichen Umständen ums Leben gekommene Ahnherr, der nun von seinem Porträt herab jeden Betrachter, wohin der sich auch immer bewegen mag, mit seinen Augen zu verfolgen scheint. Was aber, wenn nicht die auf einem Bild Dargestellten zumindest zum Schein, vielmehr das Bild selbst zum Betrachter würde? Was alles könnte es gesehen haben, was alles könnte direkt vor ihm geschehen, was alles ihm also widerfahren sein, wäre es, sagen wir, knapp nach Ende des Ersten Weltkriegs entstanden?
Der französische Zeichner Rénald Luzier, besser bekannt unter dem Kürzel Luz, hat sich an einer Antwort auf diese Frage versucht. Und was aufs Erste eine vielleicht anregende, wenngleich etwas überflüssige Kunstübung scheinen mag, entwickelt sich in seinen Händen zu einem bewegenden politischen Zeitdokument und zugleich zu einem faszinierenden Einblick in die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Das liegt nicht zuletzt an der Wahl des Gemäldes, das sich Luz als Protagonisten auserkoren hat: Otto Muellers „Zwei weibliche Halbakte“, aus dem Jahr 1919 datierend, eines von vielen Zeugnissen jener Epoche, dem wenig später die Ächtung als „entartete Kunst“ widerfuhr, und doch darunter eines der weniger bekannten. Die Auswahl sei „eine intuitive Sache“ gewesen, so Luz gesprächsweise. Zum einen liebe er die expressionistischen deutschen Maler. Außerdem handle es sich um ein Doppelporträt, was Betrachtern breiten Spielraum für eigene Empfindungen lasse.

Was freilich den Expressionismus jenes Otto Mueller (1874–1930) betrifft, so war der, genau betrachtet, seinerseits keine ausgemachte Sache. Etwas beständig Außenseiterisches wohnt seinem Werk inne, der unbedingte Wunsch, sich nicht auf eine Schule oder Bewegung, wie sie in jenen Tagen blühten, festlegen zu lassen. Woran auch die Tatsache, dass die „Brücke“-Künstler Mueller als ihr „selbstverständliches Mitglied“ sahen, etwas zu ändern vermochte. „Einfach. Eigen. Einzig: Otto Mueller“ lautete denn nicht zufällig im Jahr 2012 der Titel einer Werkschau, ausgerichtet von der Otto-Mueller-Gesellschaft.
Gut möglich, dass es ein Stück weit dieses Eigenbrötlertum gewesen ist, das Luz an Mueller besonders interessierte. Luz seinerseits wiederum, 2015 nur durch Zufall dem Anschlag auf die Redaktion des Comic-Magazins „Charlie Hebdo“ entgangen, hat mittlerweile auch eigene Wege eingeschlagen: Hatte er noch quasi programmatisch das Cover für die erste „Charlie-Hebdo“-Ausgabe nach dem islamistisch motivierten Attentat geliefert, dem zwölf Menschen, darunter acht seiner Kolleginnen und Kollegen, zum Opfer fielen, entschied er sich schon wenige Monate später, „Charlie Hebdo“ zu verlassen. „Wir sind keine Helden, wir wollten nie welche sein, und wir waren auch nie welche“, bekannte er der Pariser Tageszeitung „Libération“ dazu ein. Diese Last habe sich letztlich „als zu schwer erwiesen“.
Bald darauf widmete Luz den Erlebnissen von damals und ihrer Aufarbeitung einen eigenen Comicband, „Katharsis“, auf Deutsch erschienen bei S. Fischer; 2018 folgte mit „Indelibles“ („Unauslöschlich“) eine Art Bilanz seiner 23 „Charlie-Hebdo“-Jahre, die wohl auch als eine Art Schlusspunkt unter diese Periode seines Schaffens zu verstehen ist.

Nun aber Otto Mueller, „Zwei weibliche Halbakte“ – und ein ästhetisches Kompositionsprinzip ohnegleichen: Die Geschichte eines Bildes aus der Perspektive des Bildes zu erzählen, wie hat man sich das konkret vorzustellen? Die Antwort liefert Luz gleich auf den ersten Seiten, denn am Anfang von allem steht naturgemäß die Herstellung des Bildes selbst. Pinselstrich für Pinselstrich tauchen Gestalten, Hintergründe auf, aber es ist eben nicht das Dargestellte, das zu sehen ist, vielmehr der Darstellende und was ihn umgibt, also namentlich Otto Mueller selbst, rund um ihn ein Wald nächst Berlin und später auch, wer ihm Modell sitzt: Maschka, seine Frau.
Dazu das launige Geplänkel, das sich zwischen den beiden entwickelt – und dem so gar nichts davon anhaftet, wie man sich Genieklischees folgend den Akt künstlerischer Schöpfung vorstellen will. Da liegen vielerlei Alltäglichkeiten in der Luft, die Kühle unter den Bäumen, die Maschka, halbnackt, wie sie sein soll, frieren lässt, die weite Fahrt per Fahrrad an den Rand der Stadt, wo doch Grün genug auch viel zentraler, etwa im Berliner Tiergarten, zu haben wäre, und Muellers durch und durch kunstbefreite Begründung, warum er so oft Akte male: schlicht weil sie sich besser verkaufen lassen als andere Sujets.

Zwischendurch flicht Luz in die Gespräche ganz beiläufig Daten, Fakten zu den Personen ein, die für ein tieferes Verständnis des Geschehens dienlich sind: Muellers Lungenschwäche, der er letztlich, kaum 56 Jahre alt, auch erliegen sollte; seine Besessenheit von der Idee, von „Zigeunern“ abzustammen, was sich in mehreren Reisen zu rumänischen Roma-Gemeinschaften, darüber hinaus in seinen ästhetischen und seinen Haltungen zum Leben niederschlug; letztlich sein schon erwähntes Bedürfnis, sich allen Kategorisierungen zu entziehen. Er sei kein Expressionist, vielmehr ein „freier Künstler“, lässt Luz seinen Mueller sagen. Und egal ob seinesgleichen damals in einem Wald bei Berlin oder an anderem Tage und bei anderer Gelegenheit gesagt worden sein mag: Seine innere Richtigkeit hat’s damit jedenfalls.
Es ist die raffinierte Mischung aus kundig Imaginiertem und akribisch Recherchiertem, die Luz dem Objekt seines Interesses, und was alles ihm im Lauf der folgenden Jahrzehnte widerfährt, angedeihen lässt. Das Bild wird zum Fenster, durch das wir in die jeweiligen Vergangenheiten blicken. Wir sind dabei, wenn der Anwalt und Sammler Ismar Littmann erstmals den „Zwei weiblichen Halbakten“ begegnet, in Muellers Breslauer Atelier. Wir sind dabei, wenn das Bild in Littmanns Arbeitszimmer an der Wand montiert wird, wenn Littmann wenig später, Hitler hat mittlerweile die Macht ergriffen, in diesem Arbeitszimmer den einzigen Ausweg sucht, der ihm, dem Juden, zu bleiben scheint – den in den Tod.
Wir sind dabei, wenn Muellers Bild von der Gestapo beschlagnahmt wird, wenn es schließlich in der Münchner Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ zu hängen kommt, wenn deren Organisator, Adolf Ziegler, anlässlich der Eröffnung von „Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnertums“ faselt. Und wir sind auch dabei, wenn „Zwei weibliche Halbakte“ über mehrere Nachkriegsumwege, letztlich an Littmanns Erben restituiert und wieder angekauft, in die Bestände des Kölner Museums Ludwig gelangen.

Das Gerüst des beklemmend Faktischen schmückt Luz immer wieder mit ironischen Miniaturen aus, wie sie sich aus dem gedachten Aufeinandertreffen des Bilds mit seinen Betrachtern hätten ergeben können und wohl auch tatsächlich ergeben haben: Kinder, die den gezeigten Nacktheiten mit unverhohlenem Interesse begegnen, Spießer, die ihr Gefallen hinter vorgeschobener Entrüstung camouflieren, Kunsthändler, deren Blick weniger dem Bild und seinem Inhalt denn seinem Marktwert gilt. Und so ganz nebenbei finden sich auf den knapp 200 Seiten immer wieder Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts zitiert, ausschnittsweise, dann wieder ganz und gar, so wie sie eben Muellers Bild gegenüber zwischen Ausstellungsbesuchern, in Archiven und Depots oder in Ismar Littmanns Privatsammlung sichtbar geworden sein mögen: Otto Dix’ „Kriegskrüppel“, Paul Klees „Angler“ oder Oskar Schlemmers „Vier Figuren im Raum“, naturgemäß jeweils in Luz’ durchaus eigenständiger Interpretation.
Gleichfalls so wie Luz sie sieht, stehen auch Otto Muellers „Zwei weibliche Halbakte“ durchaus programmatisch am Ende: wie der ganze Band in erdige Farben getaucht, gleichsam hastig hingeworfen, wie es auch für Muellers Schaffen charakteristisch ist, und doch so eindeutig Luz, wie es nur sein kann. Kein Imitat, kein Plagiat, ein Weiterschöpfen in die Gegenwart.
Am Beispiel dieses einen, eines einzigen Gemäldes erzählt Luz von Kunst und Künstlertum, wie viel Begeisterung, wie viel Euphorie sie auszulösen vermögen – und wie sehr beide doch stets gefährdet sind: nicht zuletzt durch die Willkür selbsternannter Sittenwächter. Die sollen, hört man, noch längst nicht ausgestorben sein.
Der Comic des Monats im September 2025
Luz
Zwei weibliche Halbakte
Aus dem Französischen von Lilian Pithan.
192 S., € 29.
(Reprodukt, Berlin)



