Gewalt säen, um Wählerstimmen zu ernten? Am Beispiel lokaler Unruhen beschreibt der US-Amerikaner Joe Sacco wie sich die politische Lage in Indien eine gefährliche Richtung verändert. „Indien – Öl ins Feuer“: mein Comic des Monats im März 2026.
Mit einem Ende fängt alles an. Im Dezember 1992 zerstört ein Mob von Hindupilgern die Babri-Moschee in der indischen Stadt Ayodhya. Es sollen gut 150.000 Menschen gewesen sein, die sich an diesem Tag mit Vorschlaghämmern oder auch mit bloßen Händen daranmachen, das knapp halbtausendjährige islamische Gemäuer abzutragen. Und sie meinen sich im Recht dazu: Schließlich soll doch an nämlichem Ort einst ihr Gottkönig Rama geboren worden und vor der Moschee schon ein Hindutempel dort gestanden sein.
„Dem gewaltsamen Sektierertum, das gegen das säkulare Indien kämpft“, seien damit „Tür und Tor geöffnet“ gewesen, so Joe Sacco in seinem aktuellen Comicband „Indien – Öl ins Feuer“. Und zum besseren Verständnis, worum es ihm eigentlich getan ist, skizziert der US-Amerikaner in Kurzfassung, was auf die Zerstörung der Moschee folgte: Unruhen, Bombenanschläge, Übergriffe sonder Zahl mit Toten und Vertriebenen, zehn Jahre später, im indischen Bundesstaat Gujarat, sogar Ausschreitungen, die weithin als Pogrom an der muslimischen Bevölkerung wahrgenommen werden. Dem amtierenden Regierungschef von Gujarat, Vertreter der hindunationalistischen Partei BJP, wird auch jenseits indischer Grenzen Mitschuld an den Ereignissen angelastet, in einigen europäischen Staaten und in den USA gilt er daraufhin als unerwünscht.
Mittlerweile ist davon keine Rede mehr: Narendra Modi, 2014 zum Premier ganz Indiens avanciert, ist von Moskau über Brüssel bis Washington wohlgelitten. Und dass sich die bevölkerungsreichste Demokratie unter seiner Führung längst auf dem Weg in einen hinduistischen Gottesstaat befindet, interessiert wenig, wo es sich doch bei dieser nicht mehr gar so demokratischen Demokratie nebstbei um eine der weltweit größten und am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften handelt.
Dieser Weg Richtung Gottesstaat ist es, dem die jüngste sozialpolitische Tiefenbohrung des Journalisten und Zeichners Sacco gilt. Am Beispiel eines vergleichsweise kleinen, dem Anschein nach bloß lokalen Konflikts im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh geht er den Mechanismen eines Machtspiels nach, das weit über die unmittelbaren Ereignisse und die indischen Landesgrenzen hinaus längst zur strategischen Praxis der Politik gehört: Praxis all jener, denen die Destabilisierung demokratischer Ordnung ein Anliegen ist. Indien nämlich – so Sacco – sei „ein Paradebeispiel für religiös bedingte Spaltungen, die von der politischen Klasse ausgenutzt werden, um Feindbilder zu erschaffen, Ängste zu schüren und Wählergruppen enger an sich zu binden“.

In Sachen einschlägiger Konflikt- und Krisenzonen kann Sacco längst auf eine beträchtliche Expertise verweisen. Mit den enragierten Ergebnissen seiner Lokalaugenscheine in Palästina und Bosnien hat er schon in den 1990ern für beträchtliches Aufsehen gesorgt – und ganz nebenbei der Erzählung in Bildern ein bis dahin kaum genütztes Feld geöffnet: das der Comicreportage. In diesem seinem selbst geschaffenen Metier hat er mittlerweile eine reiche Gefolgschaft gefunden (etwa den Kanadier Guy Delisle oder den Italiener Zerocalcare), die ihm eigene Vorgangsweise freilich ist nach wie vor ohnegleichen. „Die Geschichte vor den Abgründen der Erinnerung zu retten“: So beschreibt die US-Zeitschrift „The Atlantic“ Saccos spezifische Methodik. Und was damit genau gemeint ist, exerziert Sacco am Beispiel seines Indien-Bandes in noch nie gekannter Präzision vor.
Ausgangspunkt der verhandelten Vorgänge: 2013 wird in einem mehrheitlich moslemischen Dorf ein Mädchen, Angehörige der hinduistischen Minderheit, von einem jungen Moslem belästigt. So erzählt man sich’s später zumindest. Der Bruder des Mädchens wirft sich gemeinsam mit seinem Cousin zum Rächer auf und ersticht den (vermeintlichen? tatsächlichen?) Belästiger – und beide werden ihrerseits umgehend von aufgebrachten Moslems erschlagen. Es kommt zu Massenprotesten, Angehörige der beiden Religionsgemeinschaften fallen übereinander her, am Ende werden mehrere Dutzend Menschen gestorben sein, die Moslems großteils vertrieben – und die indienweite Wahl wenige Monate später sieht den Hindunationalisten Modi zum ersten Mal als großen Sieger.
Noch im selben Jahr begibt sich Joe Sacco auf Spurensuche, was denn genau in jenem lokalen Konflikt mit beträchtlicher Folgewirkung zu besagter Eskalation geführt habe und wie genau die abgelaufen sei. Und er findet sich in einem Hin und Her aus wechselseitigen Vorwürfen, Intrigen, einer korrupten Beamtenschaft und einer noch korrupteren Polizei, Übertreibungen und Beschönigungen wieder. Einem Hin und Her, in dem jeder Ansatz zur Mäßigung im Tosen der Fundamentalismen verlässlich untergeht – und das gewünschtermaßen: Gewalt säen, um Wählerstimmen zu ernten, so lautet das politische Prinzip, das sich dahinter offenbart
Joe Sacco nimmt uns gleichsam mit zu seinen Nachforschungen, lässt uns teilhaben daran, wie unterschiedliche Personengruppen, unterschiedliche Zeugen eines Ereignisses Zeugnis ablegen von dem, was da angeblich oder tatsächlich vorgefallen sei oder eben nicht, hört mit uns zu, was sie und wie sie es zu sagen haben; seine Gedanken dazu wiederum behält er keineswegs für sich, er teilt sie mit uns, bekundet, was er für glaubwürdig hält, was für ein Ergebnis parteiischer Wahrnehmung, was für absichtsvoll-strategische Lüge, was für Niedertracht. „Ich glaube nicht an die Objektivität, wie sie in amerikanischen Journalismus-Schulen gelehrt wird“, hat Sacco schon vor Jahren der „Neuen Zürcher Zeitung“ eingestanden: „Wenn Sie Sachen sehen, die Ihren Überzeugungen widersprechen, dann müssen Sie sie zeigen.“

Dazu gehört, dass er nicht den allwissenden Erzähler gibt. Immer wieder zeichnet er sich selbst in Vorgänge und Gesprächssituationen – und also eben als jemanden, der nicht über dem Geschehen steht, sondern mittendrin. Und während in seinen präzisen, klar gesetzten Schwarz-Weiß-Zeichnungen die Menschen, denen er begegnet, überaus realistisch präsentiert sind, zeigt sich Sacco selbst fast ins Karikaturhafte gezogen, als wollte er schon via grafischer Gestaltung auch sich selbst und seine Position zur Disposition zu stellen. Der vermeintlich sichere Grund einer ohnehin stets nur ephemeren „Wahrheit“, bei Sacco ist er nicht zu haben.
„Ich wollte mich mit der Frage beschäftigen, was genau Demokratie bedeutet und wie sie mit den Realitäten der menschlichen Psychologie und Gruppendynamik kollidiert“, erläutert Sacco. Eine Kollision, die den Politologen Zile Singh gegen Ende des Bandes düster prophezeien lässt, die Demokratie werde sich für sein Land „als Fluch herausstellen“. Und tatsächlich: Eine Staatsform, die Fundamentalisten gegenüber jenen zu bevorzugen scheint, welche sich Solidarität und Kooperation verpflichtet fühlen – wie sollte derlei als segensreich empfunden werden? Verlust der Mitte, lautet der Befund. Was darauf folgt, ist längst politischer Alltag. Nicht nur in Indien.
Joe Sacco
Indien. Öl ins Feuer
Aus dem Englischen von Christoph Haas.
144 S., € 30,95.
(Reprodukt, Berlin)



