Eadweard Muybridge: Als das Laufen stehen lernte

Der Mörder, der Fotogeschichte schrieb: Von Eadweard Muybridge (1830–1904) und den Anfängen der Serienbildproduktion erzählt Guy Delisle in seiner Comicbiografie „Für den Bruchteil einer Sekunde“. Sinnlich, anregend – und ohne Widersprüche auszusparen. Mein Comic des Monats im November 2025.

Man sollte ja gar nicht glauben, wozu allem unsereinen die Neugier treibt. Da gibt es jene, die Gehörknöchelchen von Vögeln sammeln und vergleichen, andere wiederum versuchen zu ergründen, warum der Kot von Wombats würfelförmig sei. Und um die Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigte durchaus ernstzunehmende Herrschaften die nicht weniger entlegen scheinende Frage, ob denn ein Pferd im Galopp stets mit zumindest einem Huf den Boden berührt – oder eben dann und wann mit allen Vieren abhebt.

Der mutmaßlich vermögendste unter ihnen: der gelernte Anwalt Leland Stanford, durch den transkontinentalen Eisenbahnbau Nordamerikas zu so gut wie unerschöpflichem Reichtum gekommen, späterhin Begründer einer der wichtigsten Wissenschaftsinstitute der Vereinigten Staaten, eben der Stanford University – und als erfolgreicher Pferdezüchter an der Perfektion der Trainingsmethoden seiner Renngäule höchlichst interessiert. In öffentlichen Debatten hat er sich als Anhänger der Alle-Viere-in-der-Luft-Theorie exponiert und will nun den Beweis antreten können, dass er Recht hat. Und dass der Mann, der ihm den Beweis liefern soll, bis dahin sich keineswegs mit bewegten Objekten, vielmehr mit Immobilitäten wie Leuchttürmen oder den Felsformationen des kalifornischen Yosemite Valley abgegeben hat, wird nicht verhindern, dass ihm glückt, was bis dahin kein anderer vermochte.

Sein Name: Eadweard Muybridge, geboren 1830 unweit London, irgendwann irgendwo ­irgendwie zu einer Ausbildung in der noch jungen Kunst der Fotografie gelangt und zu jenem Zeitpunkt, da er Stanfords Sehnsucht endlich zu stillen vermag, schon zu beträchtlicher Bekanntheit gelangt: einerseits als Dokumentarist der nordamerikanischen wie auch anderweitiger Weiten, andererseits, weniger honorabel, dadurch, dass er den Liebhaber seiner Frau erschießt. Muybridge wird der letzte geständige Mörder Kaliforniens sein, der von einem Gericht freigesprochen wird.

Nun gehört es nicht nur in Zeiten allgemeiner moralischer Höchstrüstung zu den unangenehmeren Einsichten, dass es nicht immer ein in allem untadeliger Geist ist, dem wir bedeutendste Leistungen zu danken haben, sei es in Politik, Wissenschaft oder Kunst und Kultur. Der kanadische Zeichner Guy Delisle macht dennoch keinen Hehl daraus, dass wir es im Falle Muybridge keineswegs mit einem Mister Nice Guy zu tun haben. Gleichzeitig verhilft er mit seiner Comicbiografie Muybridges Verdiensten rückhaltlos zu ihrem Recht: Als innovativer Fotopionier, als Wegbereiter des Kinos, als Begründer einer eigenen Disziplin, der Chronofotografie, hat Muybridge Maßstabsetzendes auf den Weg gebracht.

Gerade die Chronofotografie, also das Zerlegen von Bewegungsabläufen in einzelne Sequenzen, bestimmt die längste Zeit nicht nur die Kunst der Animationsfilmerei; auch der Comic nährt sich von ihrem Gedankengut. Das sichtbar zu machen, was im Fließen des Sichtbaren sonst unsichtbar bleibt, gehört zu seinen zentralen Gestaltungsprinzipien, jene Zwischenstadien einer Bewegung, vor denen die Trägheit unserer Wahrnehmung versagt. Und andererseits ist es genau jene Trägheit, die es uns wiederum etwa im Kino erlaubt, im Hintereinander von Einzelbildern das Kontinuum zu sehen.

„Für den Bruchteil einer Sekunde“ hat Delisle seine Biografie betitelt, und genau darum ist es Muybridge zuallererst getan: den Lauf des Pferdes Sekundenbruchteil für Sekundenbruchteil in all seinen Phasen fotografisch festzuhalten. Was heute, in Zeiten, da Serienbildproduktion zum Standardrepertoire jeder Kamera gehört, vergleichsweise unspektakulär anmutet. Doch erinnern wir uns kurz, woran uns auch Delisle erinnert: dass die erste erhaltene Fotografie der Geschichte, jene des Hinterhofs ihres Schöpfers, des französischen Erfinders Nicéphore Niépce, aus den 1820ern datierend, eine Belichtungszeit von gut zehn Stunden erforderte. Von Minuten, Sekunden oder deren Bruchteilen gar nicht zu reden.

Als Muybridge ein halbes Jahrhundert später mit seinen Versuchen im Dienste Stanfords beginnt, ist man dank Fortschritten im Fotomaterial immerhin schon im Sekunden­bereich angelangt; und mit einem eigens entwickelten Kameraverschluss gelingt es Muybridge, die Öffnungszeit der Linse gar auf eine Fünfhundertstelsekunde zu drücken. Allein, für ein galoppierendes Pferd noch immer zu lang: Die ersten Aufnahmen lassen zwar erkennen, dass das Pferd temporär ohne Bodenberührung auskommt, der Befund ist freilich noch zu unscharf, um alle Zweifler zu überzeugen.

Es wird weitere Jahre, weitere technische Entwicklungen und letztlich zwölf hintereinander aufgestellte und vom vorbeigaloppierenden Pferd elektrisch ausgelöste Kameraverschlüsse brauchen, bis bewiesen ist, was zu beweisen war: Ja, da gibt es eine Phase im Galopp, die das Pferd über dem Boden schwebend zeigt. Und was in Wahrheit noch viel aufregender ist: Der gesamte Bewegungsablauf lässt sich nun in allen Details nachvollziehen.

Genau hier wird Muybridge in der Folge ansetzen. Und es werden keineswegs nur Pferde sein, deren Motorik er in einer bis dahin nie gekannten Weise auf den Grund geht. Raubkatzen und Hirsche, Schweine und Elefanten, eine ganze Menagerie lässt Muybridge vor seinen Kameras paradieren – und selbstredend immer wieder den Menschen selbst: wie er Bälle wirft, Hürden überspringt oder einfach nur vorwärts schreitet – Sekundenbruchteil für Sekundenbruchteil exakt dokumentiert. Nebstbei wird er dank des von ihm entwickelten Zoopraxiskop jene Einzelbilder vor ­Publikum wieder zu Kür­zestfilmen zusammenfügen können, was seinen Vortragstourneen dichten Zulauf sichert – Jahre, bevor die Brüder Lumière der Kinematografie die Wege ebnen.

Dennoch: Letztlich ist es nicht das Zusammenfügen, vielmehr das Zerlegen, das Muybridges Schaffen bis in die Gegenwart nachwirken lässt. Künstler wie Marcel Duchamp und Francis Bacon berufen sich auf seine Bewegungsstudien. Und auch der gelernte Animationsfilmer Guy Delisle macht kein Geheimnis daraus, wie viel er dem Herrn aus dem englischen Kingston upon Thames zu danken hat: Es gebe bis heute nichts Besseres als Muybridges Arbeit, „um Mechanik, Gleichgewicht und Massen in einer Bewegung zu begreifen“.

Was Wunder, dass Delisle in seiner Comicbiografie immer wieder auf die Techniken zurückgreift, für die Muybridge den Grund gelegt hat. Wie er Abläufe seziert, indem er sie in Kürzestsequenzen auflöst, lässt die Welt seitenlang stillestehen: ein Stillstand im Rasen des Fortschritts, zugleich ein Atemholen, das uns, was geschieht, in seiner Bedeutung nur umso klarer vor Augen führt.

Um Klarheit ist es Delisle auch stilistisch getan. Hier bleibt nichts im Ungefähren, mit wenigen Strichen charakterisiert er seine Figuren, in strengem Schwarzweiß präsentiert er das Geschehen, das er nur da und dort durch Kolorierung akzentuiert. Und dass er über seiner Begeisterung für Muybridges Leistungen auch dessen Davor, Danach und Rundum nicht vergisst, tut ein Übriges, „Für den Bruchteil einer Sekunde“ zu einer Art kurzen Geschichte der frühen Lichtbildkunst zu weiten: sinnlich, anregend – und ohne jene Widersprüche auszusparen, mit denen leben zu lernen uns die Wirklichkeit Tag für Tag aufs Neue auferlegt.

Guy Delisle
Für den Bruchteil einer Sekunde
Das bewegte Leben von Eadweard Muybridge.
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock.
208 S., € 26.
(Reprodukt, Berlin)

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