So aufschlussreich war Geschirrabwischen noch nie: Dem Küchentuch, seinen vielfältigen Funktionen und dem daraus folgenden Design ist ein Sammelband gewidmet, der auch gesellschaftspolitische Implikationen in den Fokus nimmt.
Ein Küchentuch kommt selten allein. Deren zwei braucht es schon einmal, um angefeuchtete Koch- und Speisenutensilien trockenzulegen, daran hat die Erfindung des Geschirrspülers wenig geändert. Fehlt noch ein drittes: das für die eigenen Hände. So weit der Mindestbestand in der Küche eines durchschnittlich ambitionierten Benutzers. Wobei die korrekte Küchentuchausstattung keineswegs bloß eine Frage der Quanti-, vielmehr auch eine der Qualität ist, denn: Küchentuch ist nicht gleich Küchentuch. Schließlich wird man Reindln, Häferln, Gabeln idealerweise mit anderen Geweben an den nassen Leib rücken wollen als der eigenen Haut, soll das erstrebte Ziel entsprechend effizient – und schonungsvoll – erreicht werden. Und die einfache Differenzierung in Geschirr- und Küchenhandtuch ist da nur der erste Schritt. Könnten denn nicht Pfannen ganz andere Stoffe angemessen sein als Porzellanwaren, Besteck ganz andere als den Gläsern?
Egal ob in unseren Breiten von Hangerln, Hadern oder – in den finstersten Vorstadtecken– von Gschirrfetzn die Rede ist: Die küchentextile Welt erweist sich, mit entsprechender Akribie betrachtet, als sehr viel komplizierter, als man vielleicht aufs Erste meinen möchte. Grund genug, ihr einmal gründlich auf den Grund zu gehen. „Das Küchentuch“ ist ein Band betitelt, der uns „Ansichten zu einem Alltagsgegenstand“ vermitteln will, und dass sich seine Herausgeberschaft aus dem Feld des Designs rekrutiert, ist keineswegs als Präjudiz dafür zu verstehen, aus welchen Perspektiven die 13 ausgewählten Autorinnen und Autoren auf den Gegenstand ihres Interesses blicken.
Schließlich berühre das Küchentuch „zahlreiche gesellschaftliche Themen“, so Basil Linder, Vera Roggli und Eva Wolf in ihrem Herausgebervorwort, und da reiche das Spektrum von Fragen der Geschlechtergerechtigkeit bis hin zu Kolonialismus und Kapitalismuskritik. Oder jenen von sozialer Differenzierung in Klassengesellschaften. Schließlich sei das Vorhandensein von eigens gefertigten Tüchern zum Abtrocknen von Kücheninventar die längste Zeit reiner Luxus gewesen, den oberen Zehntausend vorbehalten. Etwa jenen Englands: Dort habe die Aristokratie ihren Tee aus chinesischem Porzellan genossen, das, weil überaus zerbrechlich, mit speziellen Tüchern aus Leinen getrocknet worden ist. Die Folge: Bis heute ist das Küchentuch unter britannischen Insulanern als „tea towel“ geläufig.
Die Künstlerin Kim Lang wiederum führt vor, was alles so ein Küchentuch jenseits seines angestammten Aufgabenbereichs sonst noch kann: namentlich über ausgefeilte Falt- und Knotentechniken, abgeschaut japanischen Vorbildern, in Transportbehältnisse verwandelt zu werden. Wofür es konkrete Beispiele aus Europa gibt: etwa das Grubentuch der Bergleute des Ruhrgebiets, in dem sie ihre Mahlzeiten an den Arbeitsort verbrachten.
Aber lassen wir solche Kollateralbetrachtungen beiseite und konzentrieren wir uns ganz materiell auf den Stoff, aus dem die Träume der Silberbesteckpolierer und Gläserwischer sind. Die Textildesignerin Vera Roggli hat sich mangels adäquater Grundlagenliteratur selbst ihre Grundlagen geschaffen: Sie hat kurzerhand sieben Küchentücher hergenommen, aus West- und Nordeuropa stammend, und allesamt Webfaden für Webfaden zerlegt. „Entweben“ nennt sie das und sieht in ihrer Analyse einen ersten Schritt dazu, sich eines von ihr georteten Desideratums der Textilgeschichtsschreibung anzunehmen: des Aufbaus eines Archivs, „das darauf abzielt, Küchentücher in ihren verschiedenen Formen zu dokumentieren“.
Was Roggli an ihrer Siebenerstichprobe exemplifiziert: Entscheidend für die Funktionalität ist nicht das Material allein, vielmehr sein Zusammenwirken damit, wie die vertikalen Kettfäden mit den horizontalen Schussfäden des Gewebes ineinander finden, also die Art der Bindung. Die drei Basisvarianten, die dafür zur Verfügung stehen, Leinwandbindung, Köperbindung, Atlasbindung genannt, liefern nämlich je eigene Texturen. Und diese Texturen wiederum beeinflussen, ob das Tuch beispielsweise bloß zum Trocknen oder darüber hinaus auch zum Polieren taugt. So besteht das Gläsertuch, das Roggli gewählt hat, einerseits aus Leinen, andererseits genügt ihm die einfache Leinwandbindung, den meisten mutmaßlich vom Flechten aus dem Werkunterricht vergangener Schultage bekannt. Ergebnis: ein strapazierfähiger Stoff, dem das Leinen zugleich Langlebigkeit und – vor allem – Fusselfreiheit garantiert.
Wem es dagegen um Wasseraufnahmefähigkeit geht, dem empfehlen sich Baumwolle und Köperbindung, ideal vereinigt in den sogenannten Waffeltüchern mit ihrer charakteristisch dreidimensionalen Oberfläche, dem sie ihren Namen verdanken. Für diesen Fall darf’s freilich auch ein Frottiertuch sein, das in seinem Schlingengewebe bis zum 30-Fachen des eigenen Gewichts an Flüssigkeit aufzunehmen vermag – das allerdings, ein Nachsatz aus der Küchenpraxis, um den Preis, besagte Flüssigkeit fallweise wieder abzugeben. Anders gesagt: Schlieren zu ziehen. Und von Fusselfreiheit kann bei einem Frottiertuch sowieso nicht lang die Rede sein. Macht nichts, zum Küchenhandtuch reicht’s auch so.
Dass in Sachen Funktionalität Farben und Mustern keine große Bedeutung zukommt, wird niemanden überraschen. Allenfalls sind all die Streifen und Karos als optischer Aufputz zu verstehen. Oder auch als Signal der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Region. So ist das schon erwähnte Grubentuch des Ruhrgebiets mehrheitlich durch blau-weiße Karos und rote Seitenstreifen ausgezeichnet, ein Muster mit Mehrwert immerhin: Schließlich sei es, so Vera Roggli, bestens geeignet, „Verschmutzungen zu kaschieren“.
Apropos Äußerlichkeiten: Noch in eine ganz andere Nutzungsrichtung weist der Schweizer Textilindustrielle Hans Hauser – das Küchentuch als Geschenkartikel und Souvenir. Will sagen: Material, Bindung, Textur, alles egal, nur aufs Aussehen kommt es in Wahrheit an. „Tiere sind populär“, weiß Hauser. Hunde, Katzen, Kühe gebe es auf Küchentüchern. Und nicht zu vergessen: Kochrezepte! Herrn Hausers liebstes Küchentuch? „Das, was sich am besten verkauft.“ Ehrlich webt am längsten.
So viel und noch sehr viel mehr an verschiedenartiger Textinformation präsentiert der Band in einer grafischen Gestaltung, die ihn zum Designkleinod macht. Schemata unterschiedlicher Gewebsbindungsarten, den Rhythmus im Auf und Ab von Kett- und Schussfäden skizzierend, finden sich auf dem Cover und zur Auflockerung zwischen die einzelnen Kapitel geschoben. Und für die Titelschrift hat Mitherausgeber Basil Linder eine eigene Typografie entwickelt, inspiriert von Initialen, „wie sie einst auf Haushaltstextilien aufgestickt wurden“. Kein Zweifel: So charmant war Geschirrabwischen noch nie.
Basil Linder/Vera Roggli/Eva Wolf (Hg.)
Das Küchentuch – Ansichten zu einem Alltagsgegenstand
304 S., geb., €26,95.
(Scheidegger & Spieß)



