Mit viel Ironie begibt sich Hanco Kolk auf popkulturelle Ahnenforschung. Aschenputtel, Batman, Mickey Mouse, und wie sie wurden, was sie sind: „Remake“ – mein Comic des Monats im August 2026.
Das Neue wird ja seit je überbewertet. Die hochmütige Idee, das noch nie zuvor Gedachte denken, das noch nie zuvor Geschaffene schaffen zu wollen, erweist sich angesichts von Millionen Jahren Menschheitsgeschichte schon rein statistisch als wenig aussichtsreich, der Glaube an ihre vermeintliche Einlösung regelmäßig als trauriges Vorrecht all jener, die schlicht zu wenig davon wissen, was alles vor ihnen schon gedacht und geschaffen worden ist. Und was immer Ihnen in diesem Augenblick an garantiert Originärem durch den Kopf geht: Irgendwo wird ein Archivar, ein Historiker oder sonst ein Auskenner stehen, der Ihnen triumphierend ein ernüchterndes „Alles schon dagewesen“ entgegenhält.
Der Kategorie „Sonst ein Auskenner“ ist der Niederländer Hanco Kolk zuzurechnen. Der ist eigentlich Autor und Zeichner, Jahrgang 1957, tut sich seit Mitte der 1980er vor allem in der Comic-Szene seiner Heimat um und hat sich in den unterschiedlichsten Metiers seines Faches schon als erfolgreich erwiesen, von Zeitungscartoons über Abenteuerserien bis hin zu Graphic Novels. Neu in diesem Portfolio ist freilich die Betätigung als kulturwissenschaftlicher Aufdecker, wo wer welche Muster, Figuren und Handlungsstränge von namentlich nicht immer gewürdigten Vorgängern übernommen hat.

„Remake“ ist der Band benannt, in dem er der Geschichte von „Ikonen der Popkultur“ auf den Grund geht: von Romeo und Julia bis Batman, von Aschenputtel bis Dracula. Und man kann nur sagen: Herr Kolk weiß in jeder Hinsicht, wovon er spricht. Immerhin verdankt er selbst die Idee zu jenem Serienhelden, der ihm über Jahrzehnte ein solides Auskommen bescherte, „Gilles der Gauner“, eingestandermaßen einer englischen TV-Serie, die sich einem gewissen Dick Turpin (1705–1739) widmete; und dass der nicht ganz der fröhliche Vorkämpfer für mehr Verteilungsgerechtigkeit war, zu dem ihn britannische Folklore und britannische Fernsehserienschreiber gemacht haben, gehört zu den regelmäßigen Folgen unserer Lust an der Romantisierung.
Was weiß also Hanco Kolk beispielsweise über den Grafen von Monte Christo zu berichten? Da wäre einmal das reale Vorbild, ein Schuster namens Pierre Picaud, dem eine Runde vorgeblicher Freunde die in Aussicht stehende Heirat mit einer reichen Bürgerstochter so weit neidet, dass sie Herrn Picaud fälschlich als englischen Spion denunziert, was den 1807, im Frankreich Napoleons, ohne langen Prozess direkt ins Verlies befördert. Nach Jahren endlich freigekommen, hat Herr Picaud, was Wunder, nichts vergessen und noch weniger vergeben und setzt in wechselnder Verkleidung zu einem blutigen Rachefeldzug an, dem die Widersacher von einst samt und sonders zum Opfer fallen. Auf Umwegen gelangt der Fall Jahrzehnte später in die Hände des Abenteuerromanciers Alexandre Dumas – der Graf von Monte Christo ist geboren.

An dieser Stelle enden Kolks Ausführungen zum Thema Rächer in Verkleidung nicht, hier beginnen sie erst: Wie in einem Puzzle fügt er Motiv um Motiv zusammen – und wie sie sich an der ursprünglichen Figur anlagern. Mit Emma Orczys Roman „The Scarlet Pimpernell“ (1905) wandeln sich wechselnde Verkleidungen zur stabilen Doppelidentität, die nicht mehr privater Rache, vielmehr insgeheimer Unterstützung Entrechteter dient, der erste Zorro-Film der United Artists (1920) steuert Maske und eine klandestine Operationsbasis des nunmehrigen Helden bei, mit den „Phantom“-Comicstrips kommt ab 1936 ein hautenger Bodysuit ins Spiel– und jetzt fehlt nicht mehr viel, und er ist fertig, der Sixpack-Flattermann im Stretchkostüm, Batman, von Bob Kane 1939 in die Welt gesetzt, doch erst von dessen Mitarbeiter Milton „Bill“ Finger in allen wesentlichen Details zum Comicleben erweckt.
Ganz anders liegen die Dinge im Fall von Aschenputtel. Da gibt es keine konkrete Person, die als Ausgangspunkt zu nennen wäre. Dafür kann man schon einmal darüber ins Grübeln kommen, was ein Composé aus armem Mädchen, bösen Stiefschwestern, einem Märchenprinzen und Blut im Schuh so unsagbar faszinierend macht, dass man ihm kreuz und quer über Zeiten, Völker und Kulturen begegnet. Ob als Rhodopis (Griechenland), Abadeha (Philippinen) oder Ye Xian (China), so total globalisiert ist, folgt man Hanco Kolk, nichts und niemand sonst im Erdenkreis.
Folgerichtig haben sich ganze Interpretationsschulen rund um die berühmteste Linsenzählerin aller Zeiten entwickelt, etwa rund um den „Cinderella-Komplex“, als den Colette Dowling Anfang der 1980er die Angst von Frauen vor der Unabhängigkeit formulierte. Und dann findet sich selbstredend jede Menge weniger Gewichtiges, etwa der „Cinderella-Effekt“, sei es als Titel von Thrillern, Romanzen, Selbsthilfebüchern oder auch Wirkungsversprechungen der Kosmetikindustrie. Und apropos Blut im Schuh: Der selbst in Zeiten anderer podologischer Besessenheiten (High Heels! Plateausohlen!) ein wenig übertrieben scheinende Versuch der bösen Stiefschwestern, ihre zu groß geratenen Füße durch Abhacken von Fersen oder Zehen für Aschenputtels zarten Schuh passend zu machen, ist von gehabten Realitäten weniger weit entfernt, als man meinen sollte. Mit Recht verweist Kolk auf das in China bis ins 20.Jahrhundert gepflegte Brauchtum, Mädchenfüße durch Abbinden und Zehenbrechen auf das männlichem Gusto konvenierende Miniformat zurechtzustutzen – kein Märchen, brutale Wirklichkeit.

Auch sonderbare Gleichzeitigkeiten stehen auf Kolks „Remake“-Programm. Etwa jene, die sich Mitte der 1920er in den USA ereignet. Da hat eine Spielzeugfirma namens Performo Toy Company eben erst eine Holzmaus in Schwarz-Weiß auf den Markt gebracht und ihr den Namen Micky gegeben. Doch kaum ist die im Verkaufsregal, erobert ein gleichfalls schwarz-weißes Trickfilmnagetier die Lichtspielbühnen. Und welche Zufälle es geben kann: Der nervige Leinwandnager hört detto auf den Namen Mickey, nur eben mit einem E vor dem Ypsilon, zumindest im US-Original. So ähnlich die beiden in manchen Äußerlichkeiten scheinen mögen: Der Erfolg trennt sie alsbald verlässlich. Mickey Mouse wird zum Star, auf dem wenig später ein ganzes Imperium gründet, Micky, die Holzmaus, landet Anfang der 1930er in der Konkursmasse der Performo Toy Company, mutmaßlich, weil die der Wirtschaftskrise zum Opfer fällt (und mutmaßlich nicht, wie Hanco Kolk insinuiert, einer Urheberrechtsklage durch die Disney Company).
Nun ja, nicht alles, womit uns Kolk auf 136 Seiten aufs Beste unterhält, wird einer gestrengen Prüfung standhalten können. Da und dort scheint er der Lust an der saftigen Geschichte den Vorzug gegeben zu haben gegenüber einer womöglich nicht ganz so saftigen Faktenlage. Was den Ertrag von „Remake“ nicht schmälert. Der liegt zum einen im Genuss, einen Zeichner so souverän zwischen Themen, Erzähltechniken und Bildsprachen changieren zu sehen – und zum anderen in der Einsicht, was Kreativität zuallererst bedeutet: nicht Tag für Tag das Rad neu zu erfinden, vielmehr etwas Gescheites aus dem ohnehin Vorhandenen zu machen.
Hanco Kolk
Remake. Ikonen der Popkultur
136 S., € 30,95
(Avant-Verlag, Berlin)



