Skifahren über Müllbergen, Wohnen hinter Kaktusstacheln, schwimmende Studentenheime: auf den Spuren der Bjarke Ingels Group unterwegs in Kopenhagen und Umgebung.
Selbstverständlich kann man auch die Treppe wählen, um Copenhill zu erklimmen. Aber größeres Vergnügen macht’s doch, vorbei an allerlei Gebüsch und Gesträuch den Wanderweg zu nehmen, der da, der einen scharfen Kehre folgend, die 80 Höhenmeter nach oben führt. Oder den Schlepplift, um sich nach erreichter Gipfelhöhe per Skier in die Tiefe zu stürzen. Das Ganze mit Blick aufs weite Meer im Osten. Im Westen auf einen Stützpunkt der dänischen Marine. Und, ein Stück weit dahinter, auf den Rest von Kopenhagen.
Nicht mehr und nicht weniger als die zentrale Müllverbrennungsanlage der dänischen Kapitale verbirgt sich in und unter Copenhill. Anfang der 2010er von der Bjarke Ingels Group (BIG) geplant und 2019 fertiggestellt, zieht es mit seiner Fassade aus mächtigen, keilförmig nach unten verjüngten Aluminiumblöcken schon von Weitem die Blicke auf sich, um sich aus der Nähe als ein Freizeitzentrum der besonderen Art zu entpuppen: als Ganzjahres-Skiresort inklusive Skiverleih, Auffangnetzen und Après-Ski-Bar unter dem Schlot. Und weil die Kunststoffpistengaudi naturgemäß dennoch nur Nebensache ist, werden zuvörderst kolportierte 440 Tonnen Mist jährlich in Wärme und sonstige Energie verwandelt: das Ganze allgemeinem Vernehmen nach strengsten Kriterien umwelttechnischer Art gehorchend, von Energieeffizienz bis Ressourcenschonung.
„Hedonistische Nachhaltigkeit“ nennt all das BIG-Gründer Bjarke Ingels selbst. Und vielleicht weil Hedonismus eben seinen Preis hat, sollen die Kosten der Anlage das Budget weit übertroffen haben, was wenig überraschend Kritik nach sich zog. Dass nebstbei die geschaffene Kapazität der Anlage so hoch ist, dass man Müll importieren musste, um sie auszunutzen, tat ein Übriges, Zweifel an den Dimensionen des Projekts zu säen. Andererseits: Auch Kopenhagen wächst, und die hier zu verwertenden Müllberge werden in der überaus wohlgestellten Wohlstandsgesellschaft Dänemarks mutmaßlich nicht kleiner werden.
Wie auch immer: Kein Zweifel, das Kürzel BIG für Bjarke Ingels und seine Team ist keine Übertreibung. 2006 von Ingels gegründet, ist BIG längst zum Player von internationalem Format gewachsen mit Bürostandorten von London bis Shanghai, von Barcelona bis Los Angeles und in Ingels Heimatstadt Kopenhagen sowieso. Ein Übriges tut personell der ganzheitliche Ansatz, dem man sich verschrieben hat: Nicht nur Architektur, sondern auch Landschaftsplanung, Ingenieurbau und Produktdesign findet sich bei BIG unter einem Dach. „Das Einzige, was wir nicht selber machen: Wir bauen nicht selbst“, erklärt BIG-Partner Frederik Lyng bei einem Besuch in der Kopenhagener Zentrale. Nachsatz: „Aber an einer Baufirma sind wir mit zehn Prozent beteiligt.“
Freilich: Nicht überall, wo BIG dransteht, ist Megalomanes wie Copenhill drin. Nehmen wir, kaum 20 Gehminuten von der gführigsten Müllverbrennungsanlage der Welt entfernt, das Projekt Urban Rigger. Die Idee: einen Quartiertypus für Hafenstädte zu schaffen, der Studierenden preiswerten Wohnraum zur Verfügung stellt. Die Lösung: Auf schwimmfähigen Plattformen werden neun simple Baucontainer in zwei Lagen so aufeinandergestapelt, dass in der Mitte Platz für einen kleinen Garten bleibt, der als Gemeinschaftsraum genutzt wird. Und während die Container an der Außenseite kein Geheimnis aus ihrem Containersein machen, geben sie sich im Inneren, durch Isoliermaterial aus der Raumfahrt gegen Wechselspiele der Witterung geschützt, von einer erstaunlichen Wohnlichkeit. Dass die Energieversorgung über Fotovoltaik erfolgt sowie Heizen und Kühlen über ein Wärmeaustauschsystem via Meer versteht sich da fast von selbst.
Und weil hier, auf der eher entlegenen Halbinsel Refshaleøen, die den Kopenhagener Hafen an der Nordostflanke einfasst, einstmals Militär-, Werft- und Industrierevier, heute noch das Überraschendste zusammenfindet, Kunst, Kultur oder eben auch Entsorgung nach Copenhill-Art, kann es gar nicht mehr überraschen, daselbst auch auf das berühmteste Restaurant der dänischen Kapitale – und eines der teuersten der Welt – zu stoßen: Noma, in seiner aktuellen Version 2018 nach Plänen von BIG einem ehemaligen Seeminenlager der dänischen Marine implantiert. Wer sich davon selbst ein Bild machen will: kein Problem – sofern man bereit ist, pro Person knapp 600 Euro für die Reservierung zu bezahlen. Falls es da ausnahmsweise überhaupt etwas zu reservieren gibt.
Durchaus reglementiert, freilich keineswegs gleichermaßen kostspielig ist auch der Zugang zu einer weiteren von BIG verantworteten Immobilie: 8 House, am ganz anderen, dem südlichen Ende Kopenhagens gelegen, in dem in den 1990ern konzipierten neuen Stadtteil Ørestad. 2010 von BIG hart an die Grenze zu der Natur aus zweiter Hand des sogenannten Kalvebod Fælled gesetzt, Ergebnis eines Landgewinnungsprojekts der 1940er, entwickelte sich das Projekt binnen Kürze zum Tourismusmagneten, weshalb bis heute Besucher angehalten sind, vorgegebene Zugangszeiten zu respektieren, Gruppen sogar ihren Besuch vorab anzumelden.
Dabei, die Grundidee ist denkbar einfach, das Ergebnis freilich spektakulär: Der Grundriss der Anlage, die in sich Wohnen und Arbeiten vereint, entspricht einem viereckigen Block, der um die Mitte seiner Langseiten eingedrückt, an seinen Kurzseiten angeschrägt ist, wodurch der Form nach ein liegender Achter entsteht, dessen Schlingen zwei begrünte Höfe umschließen.
Die bis zu zehn geschichteten Geschoße, unten Gewerbe, Lager, Büros, oben insgesamt knapp 500 Wohneinheit, steigen entlang der Achterlinie an und fallen wieder ab und sind zudem nicht nur über das Innere erschlossen, vielmehr auch durch eine außenliegende Rampe, die bis auf die höchste Höhe der Anlage führt, vorbei an Quartieren, die sich einmal als simpler Geschoßwohnbau zeigen, dann wieder als eine Art übereinandergestapelte Reihenhäuser mit angefügten Kleinstgärten.
Was aufs Erste formale Spielerei scheint, ist bis ins Detail ausgeklügeltes Konzept, Ergebnis von „architektonischer Alchimie“, wie es Bjarke Ingels nennt, stets für griffige Formulierungen gut: „Man mischt gewöhnliche Zutaten, Handel, Wohnungen, Reihenhäuser, auf ungewohnte Weise und erhält dadurch einen Mehrwert – wenn nicht sogar Gold.“
Auch was Alchimist Ingels bei seinen Kaktus Towers zusammenmischt, scheint aufs Erste nicht gerade überraschungshaltig: quadratische Geschoßebenen, zu einmal 60, einmal 80 Meter hohen Türmen übereinandergestapelt. Nur dass eben jede Ebene gegenüber der nächstfolgenden ein Stück weit verdreht um die gemeinsame Mitte angebracht ist. Ergebnis: jener schon durch die Benennung signalisierte stachelige Habitus, der nicht jedermanns Sache sein muss, der Industriebrache a. D. südlich des Kopenhagener Hauptbahnhofs jedoch immerhin unmissverständlich Kenntlichkeit beschert – gemeinsam mit der daselbst in Hochlage geführten öffentlichen Grünzone, quasi einer dänischen Antwort auf die New Yorker High Line.
Wie es sich in den Ein-bis-zwei-Raum-Wohnungen mit ihren durchweg schiefwinkeligen Grundrissen und ebensolchen Balkonen leben mag, ließe sich wohl nur in längerem Selbstversuch ergründen. Immerhin wird eine entsprechend speziell gestaltete Einrichtung gleich mitgeliefert, aus der berechtigten Sorge, derlei Räume seien mit herkömmlichen Mitteln nicht zu möblieren.
Im Übrigen setzt das Gebäude weniger auf üppige Privatheit denn auf gemeinschaftliche Nutzungen von der Kochstube über den Fitnessraum bis zur Waschküche. Was den sozialen Kontakt fördern soll. Ob sich der gewünschte Nutzen einstellt, wird erst die Zukunft weisen: Die Kaktus Towers zu Kopenhagen wurden erst im Vorjahr erstbezogen, ihr Zwillingsprojekt an der dänischen Westküste, in Esbjerg, nur wenige Jahre davor.
Wo wir schon in der Nähe des Kopenhagener Hauptbahnhofs sind: Wie wär’s mit einem Ausflug in den Norden, ins Hamlet-Städtchen Helsingør? Hier hat nicht nur ein geschichtlich nicht näher bestimmbarer Dänenprinz, vielmehr auch Bjarke Ingels samt seiner BIG Spuren hinterlassen. Oder vielmehr: gerade keine, jedenfalls keine weithin sichtbaren. Zentrales Anliegen bei der Errichtung eines neuen Dänischen Schifffahrtsmuseum musste es nämlich sein, die hocherrschaftliche Nachbarschaft, das Hamlet-Schloss Kronborg, seines Zeichen Unesco-Welterbe, nicht mit Architektur welcher Art immer zu behelligen.
Als Standort war passenderweise das angrenzende Trockendock einer aufgelassenen Werft auserkoren. Doch statt das Dock selbst mit musealer Funktion aufzufüllen, sah das BIG-Projekt ganz anderes vor: genau diesen Raum weitgehend freizulassen und die Ausstellungsräumlichkeiten in den Grund rundum einzugraben.
Nur innere wie äußere Erschließung erfolgt durch das Dock, weshalb Besucher und Besucherin, noch gar nicht an der Museumskassa angekommen, schon in allen Details dem womöglich beeindruckendsten Schaustück des Museums begegnen können: eben dem Dock selbst. Viel Stahl und Glas tun ein Übriges, ins museale Kellergeschoß ungewohnt viel Licht, Leichtigkeit und Transparenz zu bringen.
Vom unsichtbaren Schifffahrtsmuseum über die spektakulären Stacheltürme im Zentrum Kopenhagens bis zum Low-Budget-Wohnen im Container an der Hafenmauer: Was sonst findet sich im dänischen BIG-Portfolio? Beispielsweise ein nigelnagelneues BIG-Headquarter, außenliegend die Feuertreppe, rund um die Betonkubatur gewickelt und zum Grünraum umdefiniert, im Inneren ein sich über sieben Geschoße öffnendes Großraumbüro voller Ein-, Durch- und Überblicke. Oder das Lego House mitten in Dänemarks Heimat des Kunststoffklemmbausteins, dem westjütländischen Städtchen Billund: eine charmante Etüde in der Kunst des Bausteinbauens. Oder, 200 Kilometer weiter im Norden, das derzeit noch in Bau befindliche Museum für Papierkunst, platziert in einem umgenutzten Aldi-Supermarkt unter einem Dach, geformt wie ein Stück gefaltetes Papier. Aber davon vielleicht mehr nach der Fertigstellung …
In gekürzter Form erschienen in der Online-Architekturzeitschrift „Genau!“, Juli 2025.



