Bechdel wie noch nie: Zwischen Pegging und Polykrise

Das Leben: ein Comic-Roman. Oder umgekehrt? Alison Bechdel, Kultfigur des US-Comics, zeichnet ein verunsichertes Alter Ego, das von seinem Aussteigerleben erzählt. „Kaputt“: eine mitleidlos komische Tour de Force durch enttäuschte Babyboomer-Ideale. Mein Comic des Monats im Juni 2026.

Ein Cover als Warnhinweis: Achtung, hier ist nicht alles, wie es scheint! „Kaputt“ heißt der jüngste Band der US-amerikanischen Comic-Künstlerin Alison Bechdel, und es ist gewiss kein Zufall, welche Ikone der US-Kunstgeschichte sie auf dem Einband paraphrasiert: „American Gothic“ von Grant Wood. 1930 entstanden, zeigt das Gemälde zwei vermeintliche Farmersleut, Frau und Mann, er mit Heugabel in der Hand, beide angestrengten Puritanismus verströmend. Und doch, nicht mit einem Dokument sittenstrengen Landlebens haben wir es zu tun, bloß mit Mummenschanz. Als Modelle nämlich hat Wood seinen Zahnarzt und seine Schwester gewählt. „American Gothic“: eine Inszenierung voller Doppelbödigkeit.

Derlei eingedenk, ahnen wir, dass wir auch die Alison Bechdel, die uns, eine Heugabel in der Hand, vom „Kaputt“-Cover entgegenblickt, nicht mit jener gleichsetzen dürfen, die sie gezeichnet hat, und die Person neben ihr genauso wenig mit jener Holly Rae Taylor, der Bechdel angetraut ist. Abgesehen davon, dass die ganze Anordnung, biografische Vorkenntnis vorausgesetzt, durchaus ironisch zu lesen ist: zwei Stadtpflanzen, die sich im Aussteigerinnenglück versuchen.

Doch der Reihe nach. Buchdeckel aufgeklappt, das Spiel mit Identitäten und Ideologien, mit politischen Überzeugungen und ihrer lustvollen Dekonstruierung kann beginnen. Nehmen wir die Hauptperson: Bechdel, das Original, lebt seit Längerem tatsächlich in der Einschicht von Vermont und kann tatsächlich recht kommod von den Erlösen ihrer Arbeit als Zeichnerin leben. Mit einem wöchentlichen Comicstrip hat sie sich in den 1980ern als Vorkämpferin für lesbische Präsenz in der Populärkultur profiliert, mit eindringlichen Nachzeichnungen ihrer eigenen Familiengeschichte („Fun Home“, 2006; „Are You My Mother?“, 2012) schließlich sogar den Broadway erobert. Freilich, dass einer ihrer Bände es gar zur lukrativen Vorlage einer TV-Serie gebracht hätte, ist genauso der Comic-Alison vorbehalten wie die hinreißend skurrile Idee, sie unterhalte einen Gnadenhof für Zwergziegen.

Holly Rae Taylor wiederum hat sich nebst ihrer künstlerischen Tätigkeit tatsächlich schon als Kompostexpertin hervorgetan; als Agrar-Influencerin samt viral verbreitetem Holzhackervideo reüssiert zu haben ist allerdings bis dato ihrem Comic-Alter-Ego vorbehalten geblieben. Bechdels „Kaputt“-Kompositionsprinzip in Kürze: Man nehme Motive des realen Lebens und treibe sie ins Groteske. Ursprünglich habe sie ihren bisherigen Selbstbefragungen eine weitere hinzufügen wollen, berichtet Bechdel – über ihr Verhältnis zu Geld, über das Leben im Kapitalismus, über Elitedenken, ihre Privilegien. Aber: „Als ich mich zum Schreiben setzte, fühlte ich mich furchtbar gelangweilt. Ich war es einfach leid, die Wahrheit über mein Leben zu erzählen.“ So habe sie sich entschlossen, diesmal einer erfundenen Alison Bechdel das Schreiben zu überlassen. Dazu noch die Idee, auch auf Comicfiguren der Vergangenheit zurückzugreifen – und fertig war sie, die „metafiktionale Explosion“.

Eine Explosion, die von den bestgemeinten Idealen ihrer Generation, jener der Babyboomer, nur Trümmer hinterlässt. Wie viel ist die tapferste Karl-Marx-Exegese wert, wenn das einträglichste Angebot für eine in Aussicht genommenene Abrechnung mit dem Kapitalismus ausgerechnet jener Monsterverlag stellt, dessen Eigner „die amerikanische Demokratie zerstört hat“? Was tun gegen allerlei Verfälschungen und Verdrehungen in der nach eigener Vorlage gedrehten Fernsehserie, hat sich Alison, die gezeichnete, doch jeden Einfluss auf die Drehbücher um ein kleines Vermögen abkaufen lassen? Und wo sind die Zeiten, da sie unverdrossen gegen Amazon als Vernichter von Einzelhandel und Arbeitnehmerrechten kämpfte? Heute blockieren Pakethaufen wie selbstverständlich Tag für Tag ihre Eingangstür.

Nicht dass Alison so viel Widersprüchlichkeit entgehen würde; doch bleibt einschlägige Problemerkenntnis genauso ohne nennenswerte Konsequenz wie ihre Sorge um Frieden, Konsumwahn, Klima, ja den Planeten insgesamt. Und während sie folgerichtig von den Polykrisen dieser Welt bis in unruhige Nächte umgetrieben wird, hat man in der angejahrten Hausgemeinschaft ihrer Freundinnen und Freunde vor allem Polyamorie im Kopf. Pegging oder nicht Pegging, lautet hier die sexualpraktische Frage, und wer sich darunter nichts Rechtes vorstellen kann (wie anfangs auch der Autor dieser Zeilen), der findet via KI oder Wikipedia problemlos Rat.

Vor dem Hintergrund der mittleren Covid-Jahre, im trügerisch-geruhsamen Irgendwo zwischen TrumpI und TrumpII, porträtiert Alison Bechdel eine Nonkonformistengemeinschaft, deren aufgeklärt-linksliberale Haltungen den Zwängen und Bedürfnissen der Wirklichkeit nicht standgehalten haben. Und mutmaßlich nie hätten standhalten können. Zwischen Tofu-Truthahn zu Thanksgiving, hochfliegenden Spendenabsichten, denen immer sparsamer entsprochen wird, und einem Jungziegenbock, der überaus patriarchal die Geschlechterverhältnisse in Alisons bis dahin exklusiv gleichgeschlechtlicher Zwerggeißen-Community zurechtrückt, legt Bechdel, die echte, eine furiose, über weite Strecken mitleidlos komische Bilanz vorgeblicher und tatsächlicher Leitideen vergangener Tage vor, den ihren und wohl auch jenen der Mehrheit ihrer Leserinnen und Leser – und wie diese Ideen unter dem Druck gelebten Lebens erodiert sind.

Die Babyboomer sind in die Jahre gekommen, und das samt den edlen Vorsätzen, die sie einst so selbstbewusst gefasst haben, die vermeintliche Gewissheit inbegriffen, alles ganz bestimmt viel, viel besser zu machen als all die Vorgängergenerationen vor ihnen. Zugegeben, das im Deutschen titelgebende „Kaputt“ mag für diesen Befund allzu deftig sein, doch „Spent“, so das US-amerikanische Titeloriginal, sind Alison, Holly & Co allemal: verbraucht, erschöpft, ausgebrannt.

Und die Jungen? Die werden mit ihrem herzhaften Weltrettungsaktivismus und ihrer Überzeugung, man müsse den eigenen Nachwuchs selbst entscheiden lassen, wes Geschlechts er/sie/es denn sei, unvermeidlich dieselbe Erfahrung machen. Je hochfliegender die Ziele, die man sich steckt, umso verlässlicher das Scheitern daran, sie einzulösen. Andererseits: Wo wären wir, würden wir ein anderes, ein gerechteres, ein friedlicheres Morgen nicht einmal anstreben wollen?

„Wie kann es sein, dass die Welt immer schlimmer wird und trotzdem nicht untergeht?“, lässt Bechdel ihre Comic-Alison bang fragen. Und vielleicht liegt genau in diesem Nicht-und-nicht-Untergehen ein Stück weit Trost. Schließlich ist doch diese Welt in unseren Köpfen immer schon untergegangen, und dennoch, kein Untergang, den die Welt nicht überstanden hätte. Bis dato jedenfalls.

Alison Bechdel
Kaputt
Ein Comic-Roman. Aus dem Englischen von Katharina Erben.
272 S., € 25,95
(Reprodukt,Berlin)

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