Auf Erich Ohsers Spuren: Lustgewinn per Waschmaschine

Statt auf Rosen auf Gewitztheit gebettet: Katharina Greves „Geschichten von Mutter und Tochter“ erzählen in wortlosen Bildern von Alltagsproblemen – und davon, wie sie sich heiter bewältigen lassen. Geschichten zum Wohlfühlen samt Reverenz vor einem Klassiker der Vergangenheit. Mein Comic des Monats im Jänner 2026.

Wer hätte das noch nicht erlebt: Sie kommen in ein Restaurant, und der Kellner zeigt sich wenig geneigt, Ihre Anwesenheit, geschweige denn etwaige Wünsche Ihrerseits wahrzunehmen. Was tun? Immer verzweifelter um Aufmerksamkeit betteln? Nicht doch, das ist unter Ihrer Würde. Oder aufgeben und den Ort der Niederlage klammheimlich verlassen? Feig. Viel besser: Nützen Sie die Vorteile der Mobiltelefonie, und lassen Sie sich per Botendienst eine Pizza an Ihren Tisch liefern! Umgehend wird Ihnen die Aufmerksamkeit des Restaurantpersonals gewiss sein.

Es sind nicht die ganz alltäglichen Lösungen, die Katharina Greve für durchaus dem Alltag abgeschaute Probleme parat hat, und Frau Greve ist ja auch nicht einer von diesen alltäglichen Ratgeberliteraturliteraten und Mentalvorturnern, die uns ihre Selbstverständlichkeiten als Gott weiß welche Wundertipps zur Lebensbewältigung verkaufen wollen. Als Cartoonistin und Comicautorin ist Fantasie ihr Geschäft, im konkreten Fall jenes „Was wäre, wenn“, das uns das, was ist, besser ertragen lässt.

So sind ihre Empfehlungen auch nicht in betuliche Lektionen, vielmehr in launige Geschichten gepackt: in „Geschichten von Mutter und Tochter“, um genau zu sein. Geschichten einer Alleinerzieherin, die sich, nicht eben begütert, mit ihrem Kind durch ein Leben schlägt, das nicht auf Rosen, dafür auf umso mehr Gewitztheit gebettet ist, wie sich monetäre Nachteile kraft Kreativität in Vorteile verwandeln lassen. Warum in die Meeresferne schweifen, wenn sich der Strandurlaub vor den Großbildschirmen des Elektronikmarkts nebenan simulieren lässt? Wozu aufwendige Unterhaltungsprogramme, wenn doch das Bullauge der eigenen Waschmaschine bestes Entertainment liefert?

Und überhaupt und außerdem: Was wäre, wenn sich alle Probleme dieser Welt mit ein wenig Einfallsreichtum, mit ein wenig Mut, dann und wann aus dem Rahmen der Konvention zu fallen, mit ein wenig Einfühlungsvermögen lösen ließen, weil wir es doch im Grunde gut miteinander meinen?

Ja, Katharina Greves „Geschichten von Mutter und Tochter“, mit feinem Humor vorgetragen, verbreiten vor allem eines: Wohlgefühl. Und vielleicht ist in diesen Tagen, da es allenthalben von Krisenerzählungen nur so hallt, nichts verwegener, nichts revolutionärer, als sich dem herrschenden Mainstream unterschiedlich konnotierter Weltuntergangserzählungen mit so viel lebens- und menschenbejahender Haltung entgegenzustemmen.

Lebens- und menschenbejahend: Das waren auch die gezeichneten Geschichten, an die Greve anknüpft. Unter dem Titel „Vater und Sohn“ sind sie von Dezember 1934 bis Dezember 1937 in der „Berliner Illustrirten“ erschienen. Und dass ihr Schöpfer, Erich Ohser, sie nur als „e. o. plauen“ veröffentlichen durfte, ist einer von unzähligen Belegen für die Bedrängnisse jener Tage.

Ohser hatte sich schon in den 1920ern nicht nur als Illustrator (etwa für Werke Erich Kästners), vielmehr vor allem als politischer Karikaturist einen Namen gemacht. Dass dabei Hitler und Goebbels zu seinen beliebtesten Zielen zählten, zeitigte nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten umgehend Konsequenzen: Sein Antrag auf Eintragung in die Berufsliste der Pressezeichner wurde abschlägig beschieden, was einem Berufsverbot gleichkam.

Erst der Sieg in einem Wettbewerb, ausgelobt von der „Berliner Illustrirten“ auf der Suche nach einer Bildgeschichtenserie, ebnete für Ohser den Weg zurück in die Erwerbstätigkeit. Freilich nur unter Auflagen: Zum einen mussten die Zeichnungen strikt unpolitisch sein, zum anderen hatte der Name ihres Schöpfers hinter einem Pseudonym verborgen zu bleiben.

Tatsächlich erwiesen sich Ohsers Bildgeschichten binnen Kürze als überaus erfolgreich, und wie auch nicht: Fröhlicher ist es auf deutschsprachigen Zeitungsseiten kaum je zugegangen. Das Wechselspiel des grummeligen, aber eigener Kindheit durchaus noch nicht vollkommen entratenen Vaters mit dem zu allerlei Allotria gestimmten Sohn bot in seiner heiter getönten Harmlosigkeit willkommene Erholung in Zeiten, die nichts weniger als heiter-harmlos waren. Im Übrigen griff Ohser bei den Abenteuern seiner beiden Protagonisten nicht zuletzt auf eigene Erfahrungen zurück, was sie mit jener Realitätsnähe ausstattete, die sie für das Publikum als Stück eigener Wirklichkeit erkennbar machten.

Formal ungewöhnlich: Ohser verzichtete auf Textierung welcher Art immer, was den Geschichten ein reiches Nachleben jenseits deutscher Sprachgrenzen sicherte. Bis heute gilt „Vater und Sohn“ als weltweit bekanntester – und als Klassiker geschätzter – Beitrag Deutschlands zum Thema Bildgeschichte. Und so ist es wenig erstaunlich, dass sich schon mehrere Fortschreiberinnen und Fortschreiber an Ohsers Personal versucht haben, etwa Birgit Weyhe, die 2017 wie jetzt Katharina Greve an die Stelle von Vater und Sohn Mutter und Tochter setzte. So stimmig, wie es Greve gelingt, die sehr spezifische, hinreißend unbeschwerte Atmosphäre der Vorlage aufzugreifen, ohne ins simple Imitieren abzugleiten, ist es jedoch vor ihr niemandem gelungen.

Wie Ohser verzichtet Greve auf Worte, wie Ohser bedient sie sich eines klaren, auf wenige Striche beschränkten Zeichenstils. Und wie Ohser lässt sie Persönliches in ihre Szenen einfließen. Etwa – siehe oben – in Sachen Waschmaschine: Sie sei von Bullauge und rotierender Wäschetrommel als Kind fasziniert gewesen, bekennt Greve gesprächsweise, eine Lust, die sie mittlerweile – was Wunder? – nicht mehr recht nachvollziehen könne. Ihre „Geschichten von Mutter und Tochter“ liefern ihr nun Gelegenheit, sich selbst und ihrem Vergnügen aus Kindertagen wiederzubegegnen: seelische Vergangenheitsarbeit der munteren Art.

Was Greves Geschichten von jenen Ohsers unterscheidet? Der Gestaltung nach die Verwendung sparsamer Farbakzente. Im Inhalt vor allem, dass Greve nicht genötigt ist, mit politischen Positionen hinter dem Berg zu halten. „Mutter und Tochter leben in der Welt, in der wir leben“, sagt sie, und dazu gehöre es auch, „den beiden ein bisschen Haltung zu geben“. Etwa einen pointiert vorgetragenen Feminismus. Aber auch die Zivilcourage, Hakenkreuzschmierereien an der Wand nicht kommentarlos hinzunehmen.

Für Erich Ohser blieb derlei Illusion, ihm wurde Gesinnung zum Verhängnis, und nicht einmal, dass er sich sogar, soweit es ihm vertretbar und ökonomisch unvermeidbar schien, in den Dienst der Nazipropaganda stellte, vermochte daran etwas zu ändern. Von einem Nachbarn denunziert, wurde Ohser im März 1944 wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „landesverräterischer Feindbegünstigung“ angeklagt, erhängte sich jedoch noch vor Beginn des Prozesses in der Haft.

Der Glauben an das Gute, den seine „Vater und Sohn“-Geschichten atmen, der ist geblieben – und kommt auch dieser Tage gerade recht. Katharina Greve erzählt uns neu davon.

Katharina Greve
Meine Geschichten von Mutter und Tochter
104 S., € 23,95
(Avant Verlag, Berlin)

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