Noch bis in den Dezember feiert man in Dessau 100 Jahre Bauhaus. Arbeitsamt, Siedlung Törten, Bauhaus-Gebäude, Meisterhäuser: ein Stadtrundgang auf den Spuren von Walter Gropius & Co.
Ein wenig melancholisch scheint er auf die Nachbarschaft zu blicken, der Walter Gropius aus Bronze, der, 130 Kilogramm schwer, seit fünf Jahren das Ensemble des Dessauer Stadtparkbrunnens bereichert. Diese Nachbarschaft, das Dessauer Bauhaus-Museums, ist zwei Jahre vor ihm, 2019, am Stadtpark angekommen, denn 100 Jahre Bauhaus-Gründung galt es da zu feiern. 100 Jahre Bauhaus heißt es dieser Tage abermals, diesmal in Dessau exklusiv: 100 Jahre nämlich ist es her, dass Bauhaus-Lehrende und -Lernende, politisch nicht mehr genehm, von ihrer thüringischen Gründungsstätte, Weimar, hierher, ins Anhaltische, übersiedeln mussten. Und die eineinhalb Jahre, die vom Beschluss des Dessauer Gemeinderats, den Bauhäuslern neue Heimstatt zu sein, bis zur Eröffnung des Herzstücks künftiger Unterweisung, des Bauhaus-Gebäudes, vergingen, ermöglichen es den Dessauern der Gegenwart, die Feierlaune samt einer Fülle einschlägiger Aktivitäten vom Vorjahr bis in den kommenden Dezember auszubreiten.
Wer sich auf Bauhaus-Spurensuche durch die Elbestadt begibt, muss sich zuallererst ins Bewusstsein rufen, dass Dessau heute mit jenem, in dem das Bauhaus im Zusammenwirken mit der ansässigen Industrie architektonisch zu sich selbst fand, nicht viel gemein hat. Gut 80 Prozent des Stadtgebiets waren so gut wie unwiederbringlich dahin, als das Morden des Zweiten Weltkriegs ein Ende gefunden hatte. Was uns in weiten Teilen als DDR-Retortenstadt begegnet, war in den bloß sieben Jahren, die dem Bauhaus hier vergönnt waren, noch durchaus von einer Vergangenheit als Residenzstadt, von Adel und von bestetablierter Großbürgerlichkeit geprägt.
So gilt es auch zuallererst den massigen Plattenbauriegel wegzudenken, der monumental das einzige Stück Bauhaus überragt, das in die Dessauer Innenstadt gefunden hat: das Arbeitsamt des Walter Gropius. Keine 20 Gehminunten von Bauhaus-Museum und Bronze-Gropius entfernt, liegt das markante Halbrund mit angefügtem Verwaltungstrakt in einer Grünanlage. Und weil das Gebäude schon seit Längerem geschlossen ist, müssen wir uns damit begnügen, uns bloß vorzustellen, was hier einst funktionalistische Mission war: in Zeiten bitterster Arbeitslosigkeit den Betroffenen wenigstens den Amtsweg so einfach wie möglich zu gestalten. Bis zu 2000 Personen sollten hier täglich betreut werden können, über je separate Eingänge nach Geschlecht und Berufsfeld in den äußersten Halbkreis geführt, den der Warteräume, an den sich weiter innen die Zone der Vermittler schloss. Der Ausgang erfolgte über den Flur im innersten Halbkreis und die Rückseite des Gebäudes.
Dass die Stahlskelettkonstruktion mit der auffällig-gelben Klinkerfassade mittlerweile einige Veränderungen durchgemacht hat, so wurden schon in den 1930ern zusätzliche Fenster in die Fassade gesetzt, ist bei einem Objekt wie diesem mit seiner nachgerade experimentellen Fortschrittlichkeit keineswegs verwunderlich. Umso erfreulicher, dass das Gebäude ab Anfang 2027 eine neue Aufgabe erfüllen soll, und das nahe dem ursprünglichen Zweck: als Begegnungs- und Fortbildungsstätte der heute sogenannten Bundesagentur für Arbeit.
Von hier muss man sich auf Bauhaus-Suche nun ein Stück weit aus der Stadt bewegen: fünf Kilometer stracks Richtung Süden, vorbei an allerlei Freiflächen, die vom unvermeidlichen Rückbau künden. Schließlich hat die Stadt seit der Wende ein Viertel an Einwohnerschaft verloren.
Am Ziel der Reise ist davon freilich nichts zu spüren. Die Siedlung Törten, nach Gropius’ Plänen von 1926 bis 1928 ins Werk gesetzt, weist kaum je Leerstand auf. Museale Ausnahme: das Stahlhaus am nördlichen Eingang zur Siedlung. Von Georg Muche und Richard Paulick in Zusammenarbeit mit einer Leipziger Tresorbaufirma entwickelt und 1927 fertiggestellt, ist es seit mehreren Jahrzehnten nur mehr Denkmal seiner selbst – als niemals in Serie gegangener Versuch, ein modular angelegtes Metallhausbausystem zu entwickeln.
Gleich angrenzend noch ein Einzelstück, das dafür so beharrlich bewohnt, dass es hinter allerlei Baum- und Heckenbewuchs kaum zu sehen und schon gar nicht zu besichtigen ist: das Kleinhaus des Gropius-Mitarbeiters Carl Fieger, „Minimalwohnung mit maximaler Qualität‟, wie die Bauhaus-Dessau-Website (bauhaus-dessau.de) versichert. Wer Architektur Fiegers in ungestörter Öffentlichkeit begegnen will, der muss sich ans entgegengesetzte, das Nordende der Stadt begeben: ins Kornhaus Dessau, nach Plänen von Fieger 1930 spektakulär über die Elbe gesetzt und heute eine Gaststätte, deren Besuch nicht nur der Baukunst wegen lohnt.
Doch noch sind wir im Süden und wollen uns einen Eindruck davon verschaffen, wie sich Walter Gropius seine Kombination aus preisgünstigem Massenwohnbau mit beigeschlossenen Selbstversorgergärten vorgestellt hat. Mit Gartenstädten, wie sie zur selben Zeit allenthalben errichtet wurden, hat Siedlung Törten dem äußeren Erscheinungsbild nach wenig gemein: Flachdächer, Fensterbänder mit Stahlrahmen, spartanische Schmucklosigkeit – das ist nicht der Stoff, aus dem anderwärts die eher traditionalistisch geprägten Siedlerträume jener Tage sind. Revolutionär nicht zuletzt der Modus der Errichtung: So wurden tragende Wände aus sogenanntem Jurkostein gefertigt, den man an Ort und Baustelle aus Schlacke, Sand und Zement fabrizieren konnte; wie man sich das konkret vorzustellen hat, darüber gibt ein instruktiver Film im Dessauer Bauhaus-Museum Auskunft.
Dass von all der Radikalität vieles nur mehr zu ahnen ist, hat gute Gründe, und die liegen keineswegs ausschließlich in geänderten Nutzerbedürfnissen, wie sie sich unvermeidlich innerhalb eines Jahrhunderts einstellen. Probleme rund um Wärmedämmung, Schallisolierung, Kondenswasserbildung, allzu hoch, nämlich direkt unter die Geschoßdecke gesetzte Fensterbänder: Kaum waren die Häuser fertiggestellt, wurde von den Bewohnern Hand angelegt – und das mit jenen bescheidenen Mitteln, wie sie eben gerade zur Verfügung standen. Das einzige Gebäude, das sich bis in die 2000er im Original erhalten hatte, als „Haus Anton‟ geläufig, ist mittlerweile – und nach aufwändiger Sanierung – museal genutzt, eine Handvoll weiterer auf Privatinitiative wieder dem Äußeren nach in den Urzustand versetzt.
Näheres dazu ist im ehemaligen Konsumgebäude zu erfahren, ursprünglich als Kombination aus Versorgungsstelle und Wohnnutzung errichtet, heute unter anderem Besucherzentrum der Stiftung Bauhaus Bessau. Und dann wären da noch nach ein paar Schritten die fünf Laubenganghäuser, mit denen Gropius’ Nachfolger als Bauhaus-Direktor, Hannes Meyer, das Prinzip der Effizienzmaximierung weitertrieb: Geschoßwohnbau mit unverputzten Ziegelfassaden, die Wohneinheiten über kostengünstige offene Laubengänge erschlossen, pro Wohnung auf bloß 48 Quadratmetern drei Zimmer samt Küche, Bad und WC.
Die Planung der Laubenganghäuser erfolgte übrigens schon in der 1927 gegründeten Architekturabteilung des Bauhauses. Und die hatte wie alle anderen Bauhaus-Abteilungen im Norden Dessaus ihre Heimstatt: im von Walter Gropius entworfenen Bauhaus-Gebäude. Ehedem Ausbildungsstätte, Werkstatt und Studierendenunterkunft in einem, präsentiert es sich nach langen Jahren des Verfalls und notdürftiger Instandsetzung nunmehr aufs Vorzüglichste restauriert, von Marcel Breuers Bestuhlung der Aula bis zum farbigen Orientierungssystem des Hinnerk Scheper. Und wenn die Strahlen der Morgensonne durch die vorgehängte Glasfassade des Werkstättentrakts ihre Bahn finden, wenn das Schattenspiel der Balkone am Ateliertrakt ins Galoppieren kommt, dann hat sich jede Polemik rund um Charme und Schönheit des strikt Funktionellen wie von selbst erledigt.
Ein Tipp apropos Ateliertrakt: Hier, in den ehemaligen Wohn- und Arbeitsstätten der Studierenden, lässt sich heute wunderbar Quartier nehmen. Zwar muss man sich mit Etagendusche und Etagen-WC zufriedengeben, darf dafür aber den ästhetischen Mehrwert von Bauhaus-Mobiliar genießen – und dazu einen Ausblick über Dessau ohnegleichen.
Vielleicht findet man solchermaßen zum guten Schluss auch noch die Zeit, von hier die Gropiusallee Richtung Nordwesten zu spazieren, zur Ebertallee, an der entlang die Meisterhäuser warten: als Wohnstätten der Bauhaus-Meister von Walter Gropius in den Kiefernwald gesetzt, drei Doppelhäuser und ein einzelnes für den Herrn Direktor. Das meiste davon hat sich im Original erhalten, das kriegshalber zerstörte Direktorenhaus immerhin in einer ästhetischen Anverwandlung durch das Berliner Büro Bruno Fioretti Marquez aus den 2010ern – wie die kleine Trinkhalle davor, ursprünglich einzige Dessauer Hinterlassenschaft des dritten und letzten Bauhaus-Direktors, Ludwig Mies van der Rohe. Irgendwann in den Nachkriegsjahren hatte man die abgetragen, doch auch mit dem Nachbau lässt sich leben. Wer wüsste schon so auf die Schnelle den Unterschied zum Vorbild zu benennen?
Leicht gekürzt erschienen in „Genau!‟, Ausgabe 04/2026.



